Kinder
wollen <groß> werden. Die dazu notwendige Entwicklung kann als eine
schrittweise <Eroberung von Lebensräumen> (in meinen Darstellungen folge
ich Dietrich 1994) gekennzeichnet werden. Die Entwicklung im Leben eines
Menschen ist ein Vorgang, bei dem das Neugeborene - aus dem schützenden Körper
der Mutter entlassen - in eine zunächst ungewohnte Welt kommt, an die es sich
erst einmal anpassen muss. Früh wird die Erfahrung gemacht, dass der eigene
Leib etwas Eigenes, von der übrigen Welt Unterschiedenes ist. Sich-Bewegen und
Wahrnehmen ermöglichen erste Raumerfahrungen. Das Kind lernt, etwas im Raum
Angeordnetes zu fassen und zu manipulieren; die nähere Umgebung des Kinderbetts
wird schließlich erkundet. Das Kind bewegt sich krabbelnd in einem begrenzten
Raum. Nachdem es sich aufrichten kann, gewinnt die Welt um es herum eine neue
Ordnung. Die Bewegung des Kindes im Raum, der tastende, greifende, sich
einverleibende Umgang mit den Dingen in der unmittelbaren Umgebung machen eine
zunächst fremde Welt mehr und mehr zur vertrauten Umgebung. Es beginnt ein
Eroberungsfeldzug durch die Wohnung, insbesondere dann, wenn das Kind endlich
eine Tür allein öffnen kann. Das Kind lernt die Bedeutungen von Dingen und Räumen
zu unterscheiden und zu beachten. Damit eröffnen die erweiterten Bewegungsmöglichkeiten
neue Raumstrukturen, und die Bewegungen des Kindes ordnen sich in vorhandene Räume
ein. Später bewegen sich die Eltern und das Kind gemeinsam in das weitere
Umfeld außerhalb der Wohnung. Zunächst ganz in der Nähe der vertrauten
Erwachsenen beginnt die Eroberung einer neuen, erweiterten Zone. Es kommt schließlich
der Zeitpunkt, an dem die Distanz zu den Eltern sich weiter vergrößert. Die
Kinder dürfen allein auf den Spielplatz. Eine weitere sozialökologische Zone
wird betreten und erkundet, wenn die Heranwachsenden selbständig auf erste
Streifzüge im Wohnumfeld gehen. Zunächst erobern sie sich zu Fuß die Straße,
allein, einmal auf und ab. Dann werden sie einmal um den Wohnblock herumlaufen.
Später suchen sie, vielleicht auch mit dem Fahrrad, ihnen bekannte Räume auf,
um anschließend aber auch den näheren Umkreis der Wohnumgebung zu verlassen
und eigene, weitere, noch unbekannte Bewegungsräume erschließende
Unternehmungen zu starten.
Diese
sozialökologische Betrachtung der kindlichen Entwicklung (vgl. auch
Bronfenbrenner 1981, Baacke 1984, Dietrich/Landau 1990) geht von der
systematischen Eroberung und Bewältigung von sich konzentrisch erweiternden
Umwelten aus. Bereits Piaget weist in seinen Untersuchungen zum Erwachen der
Intelligenz beim Kinde (1973), zum Aufbau der Wirklichkeit beim Kind (1975) und
zu Nachahmung, Spiel und Traum (1969) nach, wie bedeutend die beständige
organisierende Aktivität, das Sich-Bewegen, für die Entwicklung von Kindern
ist.
In
der Großstadt von heute (und nicht nur dort) stößt diese Erkundung sehr bald
auf Grenzen. Für Kinder, die an stark befahrenen Großstadtstraßen oder in der
Nähe von Durchgangsstraßen in ländlicher Umgebung wohnen, ist oft die Haustür
die Grenze zu einem kinder- und bewegungsfeindlichen Raum, in dem sich Spielen
und Bewegen wegen existentieller Bedrohung weitgehend verbieten.
Aber
auch Überbehütungen durch das Elternhaus, oft als Schutz für das Kind
gemeint, verhindern <bewegende> Entwicklungsmöglichkeiten. Gerade die Mädchen
werden schon früh in eine bestimmte Rolle gedrängt und geraten in einen
solchen <Schutz> der Eltern. Bewegungsfeindliche Freizeitaktivitäten und
Spiele, aber auch der vermehrte Medienkonsum tragen erheblich dazu bei, dass
Kinder sich ihre Bewegungsumwelt nicht mehr in gleichem Maß erschließen können.
Damit werden ihnen bedeutsame Entwicklungschancen vorenthalten.
Grundschullehrkräfte
klagen immer wieder, dass Erstklässler heute unruhiger, unkonzentrierter und
zappeliger als früher seien. <Bei der Sache zu bleiben>, und das über
einen kleinen Zeitraum hinweg, gelingt nur wenigen. Wer genauer hinsieht,
entdeckt oft ein verändertes Bewegungsverhalten. Die Bewegungen sind häufig
unkoordiniert, sie wirken ungerichtet. In der Pause und in der Sporthalle
stellen wir fest, dass auch ganz einfache Aufgaben im Klettern, Springen,
Balancieren, ja sogar Laufen nicht bewältigt werden. Beim Durcheinanderlaufen
stoßen die Kinder mit anderen zusammen. Viele Erstklässler können teilweise
ihre eigenen und fremde Bewegungen nicht hinreichend antizipieren.
Tatsache
ist: <In die Schule kommen> bedeutet, dass sich den Kindern ein neuer
Lebensabschnitt eröffnet. Sie betreten (nach einem möglichen Aufenthalt im
Kindergarten) erstmals einen öffentlichen Raum, den sie mit allen anderen
Kindern teilen (müssen), der für sie errichtet wurde und dessen Nutzung
gesellschaftlichen Erwartungen unterworfen ist. Die vorschulischen
Bewegungseinschränkungen werden hier fortgeführt; einleitend ist dazu das Auffälligste
benannt worden. Dies ist angesichts der Bedeutung von Spiel und Bewegung nicht länger
zu verantworten.
Für
die ganzheitliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen - und dieser
bedeutsamen Aufgabe müssen sich die Lehrkräfte aller Schulen stellen - sind
vielfältige Bewegungserfahrungen eine unverzichtbare Voraussetzung. Bewegung
wird innerhalb der kindlichen Entwicklung wirksam, wenn Kinder die Gelegenheit
erhalten, durch Bewegen den eigenen Körper kennen zu lernen und ein Bild von
sich selbst zu entwickeln (personale Funktion), im Bewegen ihre Umwelt zu
erkunden (explorative Funktion) und zu gestalten (produktive Funktion), sich
durch Bewegen zu verständigen (kommunikative Funktion), sich im Bewegen mit
anderen zu vergleichen und zu messen (komparative Funktion), sich durch Bewegen
ausdrücken zu können und Empfindungen zu zeigen (impressiv-expressive
Funktion) und sich beim Bewegen anzustrengen (adaptive Funktion, vgl. Kretschmer
1981, Zimmer 1993). Aber gerade diese Funktionen von Bewegung werden im
Sportunterricht nicht umfassend, sondern eher selektiv angesprochen, mit einer
Betonung der komparativen und adaptiven Funktion. Eine Schule aber, die eine
ganzheitliche Entwicklung von Kindern sicherstellen und die vorhandenen
Entwicklungsstörungen im Sinn des oben Beschriebenen kompensieren und aufheben
will, muss Sich-Bewegen als konstitutiven Bestandteil des Lernens und des Lebens
ernstnehmen. Nur so kann sie eine <Bewegte Schule> sein.
Rüdiger
Klupsch-Sahlmann: Bewegte Schule, in Sportpädagogik 19 (1995) 6, 15-16
