Zum
Zusammenhang von Schulprogramm und Schulleben für die Schullebenserfahrungen
der Kinder
Die
Bausteine finden im Gebäude der Bewegten Schule nur dann einen Platz und festen
Halt, wenn auf dem beschriebenen Fundament (vgl. weiter oben) die stützenden
Mauern des Schulprogramms errichtet werden. Wenn eine Grundschule eine Bewegte
Grundschule werden will, dann ist dies die Folge der gemeinsamen pädagogischen
Orientierung der Lehrkräfte dieser Schule. Diese gemeinsame pädagogische
Orientierung wird im Schulprogramm festgeschrieben und öffnet sich damit einer
permanenten Überprüfung der Verwirklichung von pädagogischen Absichten. Es
zeugt von der gemeinsamen pädagogischen Überzeugung und der gemeinsamen pädagogischen
Verantwortung aller für das pädagogische Profil der Bewegten Schule.
Es
reicht aber nicht aus, pädagogische Absichten im Rahmen eines Schulprogramm
formal festzumachen. Wichtiger ist, dass die pädagogische Orientierung des
Schulprogramms im Leben und Lernen der Schülerinnen und Schüler einen festen
Platz bekommt, dass es von Ihnen als etwas ihr Leben und Lernen in der Schule Prägendes
andauernd erlebt wird. Auch nicht die Summe der einzelnen Bausteine macht das
Profil einer Bewegten Schule aus, sondern die Qualität, wie es auf die Schülerinnen
und Schüler wirkt. Bewährte Bausteine bleiben erhalten, nicht bewährte werden
einer Revision unterzogen, neue werden hinzugefügt.
Zum
Fundament, zu den einzelnen Baustein und zu den tragenden Mauern gehört aber in
jedem Fall ein schützendes Dach, das Schulleben. Das Lernen in der Schule den
Kindern vielfältige Chancen einräumen, ihre Lebenserfahrungen und damit auch
Bewegungsbedürfnisse in das Schulleben einzubringen. Eine Schule, die Leben und
Lernen voneinander trennt bzw. sogar Leben in der Schule nicht zulässt, kommt
ihrem Erziehungsauftrag nicht in verantwortungsbewusster Weise nach. Rufen wir
uns noch einmal ins Bewusstsein, dass die Kinder, die mit 6 oder 7 Jahren in die
Schule kommen, ohne Schule und weitgehend ohne differenziert geplante
erzieherische Einwirkung in ihren ersten Lebensjahren unwahrscheinlich viel
gelernt haben. Und sie lernen auch weiterhin als Schülerinnen und Schüler viel
in ihrem Leben und aus den außerschulisch gemachten Erfahrungen. Die Kinder müssen
in ihrem Schulleben spüren, dass ihre Lebensbedürfnisse und damit auch ihre
Bewegungsbedürfnisse ernst genommen werden. Und sie haben ein Recht darauf,
dass dieses von den Lehrkräften im Rahmen der pädagogischen Verantwortung auch
ernst genommen wird.
Gegenüber
dieser Darstellung aus dem Jahr 1999 habe ich das Haus der Bewegten Schule
verändert. Die tragenden Mauern sind nun das Schulprogramm zusammen mit dem
Schulleben, weil das Schulleben aus dem Schulprogramm erwächst. Das Dach der
'Bewegten Schule' bildet nun die 'Bewegte Schulkultur'. Ich greife hierbei auf
Anregung meines Kollegen Ralf Laging zurück, der für eine pädagogische
Auslegung des Kulturbegriffs plädiert.
Im
unserer gemeinsamen Veröffentlichung (vg. Laging/Klupsch-Sahlmann: Schulen in
Bewegung, in: Sportpädagogik 25 (2001) 2) schreiben wir dazu auf Seite 8:
"Der
Begriff der pädagogischen Kultur will hervorheben, dass Schule mehr ist als
eine anstaltsförmige Bündelung oder Addition voneinander unabhängiger
Funktionen und Angebote. Solche Funktionen werden vielmehr als Aspekte eines
praktischen Gesamtzusammenhangs und seiner rationalen Qualität betrachtet.
Dieser Zusammenhang ist es, der die pädagogische Kultur einer Schule ausmacht
und den Kontext bildet, in dem einzelne Funktionen und Aspekte ihren Sinn
erst gewinnen (Fauser 1989, 7). Diese pädagogische Auslegung des Begriffs
Kultur geht auf ein Verständnis zurück, das Kultur als Ausdruck gemeinsam
gestalteter und mit Sinn versehener Praktiken und geteilter Symbole versteht.
Kultur ist in diesem Sinne ein vermittelnder Begriff: In sie wird nicht nur
eingeführt, sondern sie entsteht durch den Umgang mit dem Bestehenden immer
wieder neu. Es geht also nicht um eine Kulturpädagogik, die sich um die
Vermittlung kultureller Inhalte bemüht, sondern um aktive und andauernde
Mitgestaltung."
Rüdiger
Klupsch-Sahlmann, im Oktober 2001
Das
angesprochene ‘Spüren’ aber stellt sich nicht durch das einmalige oder
lediglich hier und da stattfindende Erleben eines bewegungsbezogenen Unterrichts
ein. Es entwickelt sich auch nicht durch gelegentliches Spielen und Bewegen auf
dem Schulhof außerhalb der regulären Pausen. Das Spüren wird nicht
wahrgenommen, wenn vielleicht die Bewegungsbedingungen und die aufgetretenen
Probleme beim Spielen und Bewegen auf dem Schulhof einmalig zum Thema des
Unterrichts gemacht werden. Spüren, so wie es hier verstanden wird, entsteht
erst dann, wenn die Bewegte Schule „als etwas Verlässliches, Andauerndes, in
regelmäßigen Abständen immer Wiederkehrendes, als etwas an Rituale und
Situationen ständig Gebundenes die Schul-Lebens-Erfahrungen der Kinder und
Jugendlichen immer wieder von neuem prägt und erweitert“ (Klupsch-Sahlmann
1995 b, 17).
Erst
wenn die pädagogische Grundorientierung der Lehrkräfte im Sinne einer
‘Bewegten Schule’ auch tagtäglich, zumindest aber in immer wiederkehrenden
Abständen von den Schülerinnen und Schülern als etwas Verlässliches erlebt
wird, prägt dies die Schul-Lebens-Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen. Sie
fühlen, dass ihre Lebensbedürfnisse und Lebensäußerungen in der Schule
wahrgenommen und ernst genommen werden, wenn ihnen immer wieder in vielfältigen
Situationen Chancen für Bewegung eingeräumt werden.
Rüdiger
Klupsch-Sahlmann: Mehr Bewegung in die Schule - grundlegende Gedanken zur pädagogischen
Konzeption, in: ders: (Hg.) Mehr Bewegung in der Grundschule, Cornelsen Verlag
Scriptor: Berlin 1999, 7 - 24
