Klassenräume
sind in aller Regel keine Bewegungsräume. Sie sind der Ort, an dem die Schülerinnen
und Schüler den größten Teil des Schultags verbringen. Die Funktion des
Klassenraums ist durch Sitzordnungen geprägt, die eine durchgehende
Konzentration auf die Inhalte des Unterrichts ermöglichen sollen. In der Regel
ist der Blick nach vorne gerichtet, wo die Lehrenden agieren. Aber so vielfältig
die Sitzordnungen auch sein mögen, traditionell mit Zweiertischen, in
Hufeisenform, mit Sechser-Gruppentischen oder anderen Arrangements: Das
Sich-am-Platz-Bewegen, das Herumzappeln oder sogar das Durch-den-Raum-Gehen wird
in der Regel als Störung der unterrichtlichen Inszenierung gedeutet. Was dies
bedeutet, ist hier bereits hinreichend erläutert worden. Wenn Schülerinnen und
Schüler in ihren Klassenräumen zusammen mit ihren Lehrkräften nicht nur
lernen, sondern auch <leben>, dann bedeutet dies, „sich um übereinstimmende
Deutungen des Raumes zu bemühen, Räume in ihren Funktionen festzulegen und
ihre Nutzung zu kontrollieren“ (Dietrich 1992, 19). Deshalb sollte das
Interesse der Lehrkräfte, den Kindern und Jugendlichen Unterrichtsinhalte möglichst
effektiv zu vermitteln, in keinem Widerspruch zu den Bewegungsbedürfnissen der
Schülerinnen und Schüler stehen. Dietrich fordert für den Sportunterricht, dass
es möglich sein muss, „verschiedene Raumdeutungen nicht nur zuzulassen,
sondern dies auch zu befördern“ (Dietrich 1992,19). Dies muss in gleichem Maß
auch für den Klassenraum als Bewegungsraum gelten.
Die
grundlegende Form der <Übereinstimmung> bei der Nutzung des Klassenraums
als Bewegungsraum besteht darin, dass die Kinder und Jugendlichen erfahren, dass
ein Sich-Bewegen von Seiten der Lehrkräfte akzeptiert, ja sogar angeregt und
inszeniert wird und dass die Lehrkraft Bewegungsaktivitäten der Kinder und
Jugendlichen nicht als Störung eines unterrichtlichen Vorhabens deutet.
Ein
in der Praxis des <bewegten Unterrichts> bewährtes <Möbelstück>
ist der Sitzball. Der Körpergröße der Kinder und Jugendlichen angepasst
liegen in den Klassenräumen neben den normalen Stühlen Sitzbälle bereit, die
alternativ für eine kurze Zeit immer wieder als Sitzmöbel verwendet werden.
Hier entsteht das faszinierende Bild eines Unterrichts, der Bewegung akzeptiert.
Entgegen
den Erwartungen der Beobachter entsteht keine Unruhe, nur weil einige ‑
auf dem Ball sitzend - andauernd in Bewegung sind. Die Bewegungen sind ruhig,
verhalten. Niemand hüpft auf dem Ball herum. Und: Die leisen Bewegungen stören
nicht. Vielmehr sind die Kinder und Jugendlichen durchgehend konzentriert und äußern
ihr Bewegungsbedürfnis nicht mehr durch unruhiges Wackeln auf dem Stuhl,
Kritzeln und Kratzen auf dem Tisch oder indem sie den Tischnachbarn necken.
Rüdiger
Klupsch-Sahlmann: Bewegte Schule, in Sportpädagogik 19 (1995) 6, 14-22
