Montessori
gehört zu den Pädagoginnen und Pädagogen, die in ihrer Bildungs- und
Erziehungsarbeit der Stille eine besondere Bedeutung beimessen. Sie entdeckte
die tiefere innere Bereitschaft des Kindes zur Stille, wobei Kinder nicht zur
Stille verpflichtet werden müssen, sondern sie aus ihrem Innersten lieben (vgl.
auch Faust-Siehl u. a. 1993, 23f.). Dies gilt auch und erst recht für unsere
Zeit.
Trotz
andersartiger Vermutungen und trotz der feststellbaren Unruhe und Hektik an
unseren Schulen stellen die <Pädagogen der Stille> in ihren Berichten
immer wieder fest, dass Kinder und Jugendliche auch heute Momente der Stille
wollen: „Zu meinem großen Erstaunen meldete sich am nächsten Tag, als es
wieder einmal sehr laut war, Rebecca und sagte: <Wir wollen alle wieder still
sein.> Und Anibal, ein Portugiese, bekräftigte: 4a, mach wieder Stille.>
Ich legte, da dies am Vortag so gut gewirkt hatte, wieder den Finger auf den
Mund und sah die Kinder, die still dasaßen, an. Nach einer geringen Zeitspanne
waren alle Kinder still. Ich sah, wie sie sich freuten. Auch diese Stille
dauerte nur sehr kurz, aber die Atmosphäre in der Klasse war spürbar gelöster»
(Kühnberger, in: Faust-Siehl u. a. 1993, 23).
Nun
scheint es zunächst einmal paradox zu sein, beim Plädoyer für eine
<Bewegte Schule> Momente der Stille einzufordern. Aber zu einer
<Bewegten Schule> gehört auch die Chance, Stille erfahren zu können.
Dabei ist <Stille> nicht das, was man sich normalerweise unter einem
<ruhigen Unterricht> vorstellt: „In den gewöhnlichen Schulen glaubte
man immer wieder, Stille ließe sich durch einen Befehl erzielen. Dabei dachte
man jedoch über den Sinn dieses Wortes nicht nach und wusste nicht, dass man
<Unbeweglichkeit>, ja fast die Einstellung des Lebens für diesen
Augenblick verlangte, in dem Stille erreicht war. Stille ist die Einstellung
jeder Bewegung und nicht, wie man gewöhnlich in den Schulen meinte, die
Einstellung von <Geräuschen>, die über das normale, im Raum geduldete
Geräusch hinausgehen“ (Montessori, zitiert nach: Faust-Siehl u. a. 1993, 9).
Was
Montessori allerdings mit der <Einstellung jeder Bewegung> meint, ist das
Einstellen der äußeren Bewegung. Wenn sich Kinder und Jugendliche auf die
Stille einstellen, können sie zur Ruhe kommen. Nach Faust-Siehl bedeutet Stille
ein eigenes, aktives inneres Erleben. Sie regt Kinder und Jugendliche dazu an,
„den vorgefundenen Mustern der Wahrnehmung und des Erlebens die
Unabgeschlossenheit, Beweglichkeit und Lebendigkeit der eigenen inneren
Erfahrung entgegenzustellen“ (Faust-Siehl u.a. 1993, 33). Zu den Möglichkeiten,
Stille im Unterricht zu erzeugen, durch die Kinder zur Ruhe kommen, zählen
Stilleübungen, Phantasiereisen und vielfältige Formen der Entspannung.
Rüdiger
Klupsch-Sahlmann: Bewegte Schule, in Sportpädagogik 19 (1995), 14-22
