<Themenbezogenes
Bewegen (1) (2) im Unterricht> eröffnet weitere Chancen für eine
<Bewegte Schule>. Geleitet von der Überzeugung, daß Lernen von Kindern
und Jugendlichen nicht nur über den Kopf gehen darf, sondern auch <Herz und
Hand> gleichermaßen berücksichtigt werden müssen, können Lehrkräfte ihre
Unterrichtsinhalte schon bei der Planung dahingehend prüfen, ob sie durch einen
handelnden Umgang erschlossen werden können. Im gegenstandsbezogenen Lernen
werden so Bewegungsaktivitäten zu adäquaten Lernweisen. Damit sind allerdings
nicht die Unterrichtssituationen gemeint, in denen Kinder quasi von der Sache
her nicht ohne Bewegen auskommen, wie zum Beispiel bei Schwungübungen, beim
Schreiben von Texten, beim schriftlichen Fixieren mathematischer Probleme oder
im Sportunterricht. Sich in einem thematischen Zusammenhang wirklich zu bewegen
kann einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, sich die Sache selbst zu erschließen.
Nimm den FLECK,
das ECK wirf weg,
dann nimm ein 0,
tu's hinten dran,
und nimm ein H,
verlänger's dann.
Jetzt hast du ein sehr kleines Tier.
Das beißt nun in die Beine dir.
Sich
dieses Gedicht von Josef Guggenmoos inhaltlich zu erschließen ist auf vielfältige
Weise möglich. Von der Lehrkraft vorgelesen, ist es ein Rätsel für die
Kinder, die nun versuchen, sich bildlich vorzustellen, welches Wort sich ergeben
hat. Andererseits kann eine unterrichtliche Inszenierung auch darauf aus sein,
daß die Kinder mit Hilfe des vorliegenden Textes und Buchstabenkarten das neue
Wort zu entdecken und zusammenzusetzen versuchen. Aber es ist auch noch ein
weiterer methodischer Zugriff denkbar, der den Bewegungsaspekt umfassend berücksichtigt.
Die Kinder bilden eine 7er-Gruppe. Sie haben sich die verschiedenen Buchstaben
umgehängt (wie bei der <Sandwich—Werbung>). Zuerst einmal stellen sie
sich zum Wort Fleck zusammen. Anschließend bewegen sich die Buchstaben E, C, K
aus der Gruppe weg, und die beiden Buchstaben 0 und H kommen an der
entsprechenden Stelle hinzu. So eröffnet sich den Kindern die Möglichkeit, das
Rätsel handelnd zu erschließen, und die anderen Kinder der Klasse, die Aktion
beobachtend, sehen, wie sich das ursprüngliche Wort bewegt und verändert.
Wie
in diesem geschilderten Beispiel sind viele andere unterrichtliche
Inszenierungen denkbar, durch die sich die Kinder einen unterrichtlichen Inhalt
über Bewegung erschließen können. Im Fach Mathematik werden Zahlen erlaufen,
Rechenaufgaben <räumlich> gelöst, indem sich die Kinder in
Zahlen-Gruppen aufstellen und Rechenoperationen in Bewegung umsetzen. Lieder können
in allen Schulstufen durch die szenische Darstellung intensiver erlebt werden
als durch das Singen oder Interpretieren des Textes allein. Gedichte wie das
oben zitierte betreffen die Grundschule. Aber auch in den weiterführenden
Schulen erschließen sich Gedichte, Prosa und anderes auch durch eine szenische
Nachgestaltung. Im Religionsunterricht, auch in den weiterführenden Schulen,
kann die Symbolik des Labyrinths als ein Zeichen des Lebenswegs, der mitunter
von vielen Irrungen und Wirrungen begleitet ist, aber dennoch zum Ziel führt,
auch wenn man sich immer wieder davon entfernt, bewegend erfahren werden: Das
Labyrinth der Kathedrale von Chartres wird auf dem Boden des Schulhofs
nachgezeichnet, und die Schülerinnen und Schüler erleben ihren Lebensweg im
Gehen.
Diese
Beispiele sollen dazu anregen, auch solche Chancen zu nutzen, die sich durch das
bewegungsbezogene Erschließen von Unterrichtsinhalten ergeben können. Dies
kann unter anderem dann erforderlich sein, wenn andere Formen der Erschließung
nicht die gleiche Qualität sichern oder aber die unterschiedlichen
Lerndispositionen von Kindern und Jugendlichen vermehrt einen thematischen
Zugang über alle Sinne erforderlich machen.
Rüdiger
Klupsch-Sahlmann: Bewegte Schule, in Sportpädagogik 19 (1995), 14-22
(1)
Heute, fast 5 Jahre nach dieser Veröffentlichung, bin ich nicht mehr ganz
meiner Meinung von damals. Die Diskussion mit meinem Kollegen Heiner Ziesmer ,
Fachleiter für Sport und Sprache am Studienseminar für das Lehramt für die
Primarstufe in Mönchengladbach, hat mich dazu geführt, für diesen Baustein
nicht mehr den Begriff des 'themenbezogenen Bewegens' zu verwenden, sondern den
des 'themenerschließenden Bewegens'. Mit dieser Veränderung soll deutlich
werden, dass ich dem Be-Greifen der Dinge dieser Welt über Bewegung eine
besondere Bedeutung beimessen möchte, weil ich hierin mittlerweile auch eine
besondere Qualität der Bewegten Schule sehe. Ich bin dabei, diese veränderte
Orientierung zu verschriftlichen und eine Abgrenzung zum themenbezogenen Bewegen
zu formulieren, die meines Erachtens mehr den Bereich einer bewegungsbezogenen
unterrichtlichen Methode meint und damit eigentlich dem Baustein 'Schulraum -
Bewegungsraum' zuzuordnen ist. (Rüdiger Klupsch-Sahlmann, im Mai 2001)
(2)
Mittlerweile (Oktober 2001) habe ich die entsprechenden Gedanken differenziert
verschriftlicht. Interessierte Leser finden die grundlegenden Ausführungen zum
themenerschließenden Bewegen hier: Themenerschließendes Bewegen, in:
Grundschule 33 (1991) 10, 41-42
eine Ergänzung zu meinen Gedanken zum
Themenerschließenden Bewegen (4. Mai 2009)
Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter machen
eigene Erfahrungen und erhalten Anregungen für die eigene Unterrichtspraxis
Themenerschließendes Lernen findet mehr und mehr auch die
Aufmerksamkeit von Lehrkräften, die nach Vermittlungsformen suchen, die für
die Kinder bedeutsame Erfahrungen ermöglichen, die sonst nicht so einfach
hergestellt werden können. Ein Kollege, Hauptseminarleiter an einem Seminar für das Lehramt für die
Grundschule hat seine Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter mit folgendem
Text zum Seminarthema ‚Übergänge’ eingeladen:
Sehr geehrte, liebe Lehramtsanwärterinnen,
na ja, es dürfte doch wohl übertrieben sein, wenn ich sage, Übergänge
gehören zu unserem Leben wie das Frühstücksei zum Sonntag. Ich meine damit,
dass wir in unseren persönlichen Biographien zahlreiche Stationen des Übergangs
finden und -
Über unsere Begleitung von Schulkindern als Lehrerinnen und Lehrer sind
neben den hoffentlich nicht zu häufig vorkommenden Übergängen von der einen
Familie zur nächsten die Übergänge aus dem Kindergarten in die Schule und die
Übergänge aus unseren Klassen in die weiterführenden Schulen die prägnantesten.
Hierfür aufmerksam zu werden, damit die Kinder die richtigen
Trittsteine im sumpfigen Übergangsgelände finden, soll ein Anliegen der
heutigen Sitzung sein. Dass dieses gelingt, wünsche ich Ihnen, auch mir, vor
allem den Kindern, denen sie bald ‚Übergangsbrückengeländer’ sein werden.
In der Seminarsitzung erhalten die Lehramtsanwärterinnen
und Lehramtsanwärter vielfältige Möglichkeiten, im eigenen Bewegen sich der
Problematik des 'Übergangs' bewusst zu werden. Dabei überlaufen sie eine
Stuhlreihe, um von der einen zur anderen Seite zu gelangen. Oder sie erreichen
die andere Seite, indem sie sich von Tisch zu Tisch fortbewegen, die mit
Brettern in verschieden Breiten verbunden sind, mal mehr oder weniger stabil.
Die jungen Kolleginnen und Kollegen machen in der Bewegung
jeweils individuell bedeutsame Erfahrungen, zum Beispiel ‚das war mir zu
schwer’, ‚das geht nur mit Partner’, ‚da brauche ich Hilfe’, ‚für
mich ganz einfach’, ‚mir war etwas mulmig’, ‚ich musste mich überwinden,
‚geschafft, aber nie wieder’… .
Diese Erfahrungen sind wahrscheinlich nicht neu, und
deshalb werden sie auch dazu veranlassen, sich an selbst erlebte Übergänge zu
erinnern und diese zu thematisieren. Die Intensität dieser Erfahrungen kann
meines Erachtens so nicht durch ein Gespräch, durch einen verbalen Austausch,
durch eine Erzählung erreicht werden. Die in der Bewegung gemachte Erfahrung
ist deutlich intensiver, weil sie ganzheitlich ist. Das konkret meine ich mit
'themenerschließendem Bewegen'.
In dieser Fachseminarsitzung machen körperbezogene
Erfahrungen die jungen Kolleginnen und Kollegen sensibel für die Empfindungen,
die Kinder bei den Übergängen haben können: Es gibt wahrscheinlich
selbstsichere Kinder, die keine Probleme haben. Andere zeigen sich – bei allen
Bedenken – dennoch als stark und schaffen den Übergang, andere hingegen
brauchen Hilfe, Zuspruch oder vielleicht auch die Hand, die hält. Andere müssen
vielleicht sogar getragen werden, bis sie erfahren, wie es ‚auf der anderen
Seite’ ist. Und die jungen Kolleginnen und Kollegen erhalten im eigenen
Erleben auch Anregungen, wie sie die Gefühle von Kindern in der Bewegung themenerschließend
zum Thema von Unterricht machen können, wenn diese vor ‚Übergängen’
stehen.
Für Kinder in der Grundschule sind darüber hinaus viele
andere Inszenierungen von 'Übergangswegen' denkbar, von Teppichfliese über
Teppichfliese zu Teppichfliese, von Reifen über Reifen zu Reifen,
vom Papierblatt über Papierblatt zu Papierblatt. Die Größe der
verwendeten Materialien kann in Abhängigkeit von Schwierigkeitsgrad verändert
werden. Der Abstand zwischen den Materialien kann gering und größer gestaltet
werden.
Versuchen Sie es auch einmal, ob als Kollegin oder Kollege
in der Grundschule und auch in weiterführenden Schulen, als Ausbilderin oder
Ausbilder in der Lehrerausbildung. Ich bin mir sicher: Sie werden Erfolg haben.
