Plädoyer
für eine Bewegte Schule (Rüdiger
Klupsch-Sahlmann)
Ich
plädiere dafür, mehr Bewegung in die Schule zu bringen. Das Leben und Lernen
in unseren Schule wird, entgegen allgemein anerkannten pädagogischen
Prinzipien, immer noch im wesentlichen durch den Kopf bestimmt. Unsere Schule
kommt noch immer zu wenig den Lebensbedürfnissen von Kindern und Jugendlichen
nach. Eine ‘Bewegte Schule’ hingegen nimmt die Lebens- und Lernbedürfnisse
unserer Kinder und Jugendlichen ernst. Sie betrachtet die Entwicklung der
Heranwachsenden als ganzheitliche Entwicklung, bei der Bewegung ein
unverzichtbares Element ist. Sie versteht Bewegung als konstitutives Element von
Unterricht, weil sich die Erschließung des Wissens von dieser Welt auch im
wesentlichen durch Handeln vollzieht. Wenn Lehrkräfte, Eltern und alle anderen,
die für die Entwicklung, das Lernen und das Leben der jungen Generation
Verantwortung tragen, Bewegung als eine bedeutsame Lebensäußerung von Kindern
und Jugendlichen begreifen, sie ernst nehmen und in die Gestaltung des
Schullebens integrieren, ergeben sich Chancen für eine ‘Bewegte Schule’.
Sie eröffnet ein Lernen mit Kopf, Herz und Hand,
Wenn
sich die Lehrkräfte das Ziel einer ‘Bewegten Schule’ zu eigen machen und es
als Bestandteil des Schulprogramms festlegen, dann ist der Sport- und
Bewegungsunterricht ein weiterer Baustein dieser Schule, der nicht überflüssig
wird, sondern dem eine spezifische, unverzichtbare Bedeutung zukommt. Angeleitet
durch fachlich ausgebildete Lehrkräfte erhalten die Kinder und Jugendlichen
hier die Möglichkeit, Bewegung, Spiel und Sport über das im anderen Schulleben
verankerte Maß hinaus unter der Perspektive einer sportlichen Sinngebung zu
erfahren, sich damit auseinanderzusetzen, andere Sinnperspektiven des
Sich-Bewegens zu erfahren, um so einen je individuellen Zugang zu den Bewegungsmöglichkeiten
zu erhalten, die für das außerschulische und nachschulische (Bewegungs-)Leben
Bedeutung haben können.
Ein
solcher Sport- und Bewegungsunterricht berücksichtigt auf der inhaltlichen
Ebene die Bewegungsbedürfnisse der Kinder und Jugendlichen, stellt
Bewegungsgrundtätigkeiten in ihren vielfältigen Ausdifferenzierungen und
Anforderungen in das Zentrum des unterrichtlichen Interesses, bezieht aber
auch die konkreten Erscheinungsformen der außerschulischen Sportwelt ein und
zeigt sich grundsätzlich offen gegenüber den ‘neuen’ Bewegungsformen, die
den außerunterrichtlichen Bewegungsinteressen der Schülerinnen und Schüler
entsprechen.
Auf
der methodischen Ebene müssen solche Formen gewählt werden, die es den Kindern
und Jugendlichen ermöglichen, sich weitgehend eigenverantwortlich und
selbstbestimmt die Bewegungsformen anzueignen, die für sie und für ihr Leben
von Bedeutung sind und/oder werden können. Ein solcher Sport- und
Bewegungsunterricht ist geprägt von einen Prozeß der Verständigung zwischen
Schülerinnen/Schülern und ihren Lehrkräften über Inhalte und Methoden. Er
ist dem methodischen Prinzip der Vermittlung verpflichtet. Lehrkräfte dürfen
ihre Aufgabe nicht weiter als Instruktion sportlicher Bewegungsmuster verstehen.
Vielmehr müssen sie sich 'vermittelnd' zwischen die jeweiligen
Bewegungsanforderungen und die Bewegungsinteressen der Kinder und Jugendlichen
stellen.
Einem
so verstandenen Bewegungs-, Spiel und Sportunterricht und der aufgezeigten
Bedeutung von Bewegung für das Schulleben hat sich die Zeitschrift Sportpädagogik
seit ihrem Entstehen verpflichtet gefühlt und ist dieser Verpflichtung mit nun
mehr als 100 Themenheften nachgekommen. Sie wird es auch weiterhin tun.
Quelle:
Rüdiger Klupsch-Sahlmann: Ein Plädoyer für die Bewegte Schule, in: Sportpädagogik
20 (1996) 2, 15-16
