Die
Mausefalle (oder die Angst der Lehrerin vor der Bewegung) (Ariane
Garlichs)
Winter
1957. Ich sollte meine erste Unterrichtsstunde halten. Ein 1. Schuljahr war
meine Praktikumsklasse. Die Mentorin hielt auf Ordnung, man merkte es den
Kindern an. Sie mucksten kaum. Dennoch hatte ich Angst vor dieser ersten Stunde,
für die mir das Thema "Die Maus im Speisekeller" zugewiesen wurde.
Ich überlegte hin und her und entschied mich schließlich dafür, in der Stadt
eine Mausefalle zu besorgen. Ich war schon in der Klasse, als ich mit
Stakatoschritten die Mentorin sich nähern hörte. Die Kinder nahmen Haltung an.
Was sollte mir schon geschehen? Ich wollte sie zunächst ihre Mausegeschichten
erzählen lassen.
Das
lief munter, wenn auch sehr geordnet ab, erschöpfte sich aber nach wenigen
Minuten. Ich besann mich meiner mitgebrachten Mausefalle. "Wollt ihr mal
eine Mausefalle sehen?" Sie nickten. Während ich noch in meiner
Schultasche kramte, ereignete sich etwas Unerhörtes, nie Dagewesenes. Die
Kinder erhoben sich unaufgefordert von ihren Plätzen, schubsten sich voran und
drängelten sich um meinen Tisch. Ich erstarrte vor Schreck, unfähig zu
irgendeiner Reaktion. Da erschallte auch schon eine drohende Stimme aus dem
Hintergrund. "Um Gotteswillen, warum tun Sie denn nichts!" Im gleichen
Augenblick ging meine Mentorin nach vorne, übernahm die Regie und ordnete das
Chaos. Ich gab mich geschlagen.
Die
Erfahrung, bereits beim ersten Unterrichtsversuch versagt zu haben, eine
Bewegung ausgelöst zu haben, ohne es zu wollen, saß tief. Sie begleitete
untergründig mein späteres Lehrerdasein und führte zu erhöhten
Anstrengungen, alles, wenn möglich, vorweg zu regeln. Sie folgte mir untergründig
wie ein Schatten bis in die Zeiten hinein, in denen ich mich äußerlich locker
verhielt, und saß mir doch noch im Nacken. Noch in meinen ersten
Hochschullehrerjahren erwachte ich einige Male schweißgebadet, weil ich geträumt
hatte, in einer meiner Vorlesungen hätte sich Protest formiert, die Studenten hätten
das Katheder erstürmt und mich entmachtet.
Dann
kam ein Sommer, in dem sich diese Angst verlor. Ich hatte am Strand einen
wunderschönen Seestern gefunden und hob ihn hoch. Die umstehenden Kinder kamen
auf mich zu, um sich das Wundergebilde anzuschauen. Ich freute mich an den auf
mich zukommenden Kindern, ihrer Fragelust und meinem Mittendrinsein. Hinterher
fiel mir wieder meine erste Unterrichtsstunde ein. Und plötzlich konnte ich
nicht mehr verstehen, daß mir Kinder Angst gemacht hatten, die nichts anderes
taten, als sich auf mich zu zu bewegen.
Quelle:
Erstabdruck, unveröffentlichtes Manuskript
