Der
Klassenraum als Bewegungsraum (Norbert Heiny)
Die
räumliche Qualität eines einzurichtenden Klassenraums hängt nicht von der
Perfektion seiner vorgegebenen Einrichtung ab, sondern in wieweit alle
Beteiligten ‘bewegt’ und bereit sind, sich an einer atmosphärischen
Ausgestaltung zu beteiligen.
Die
Anfangsbewegung der Lehrerin überträgt sich nun auf die Kinder dieses ersten
Schuljahres. Sie werden aktiv und bringen ihre Welt (Bilderbücher,
Lieblingsspiele, Kuscheltiere, ...) in ihre Klasse ein. Gegen den sogenannten
„Ernst des Lebens“ mit all seinem Stillstand setzen sie unverwechselbare
Spuren ihrer eigenen vertrauten, kindlichen Lebenswelt. Mit ihrem Trinkbecher,
den sie sich selbst aus dem Regal holen, ihren Malstiften aus dem Wohnkarton,
ihren von zu Hause mitgebrachten Pflanzen, ihrem eigenen Sitzkissen, ihren
Pantoffeln verlängert sich die häuslich geschützte Umgebung in den
Klassenraum hinein. Diese von den Kindern als vertraut erlebten Gegenstände
werden für sie zu Stützpunkten in einer zunächst unbekannten Welt, in der sie
sich nun angstfrei bewegen können. Indem die Kinder sich den Raum mit seiner
spezifischen Ausstattung aneignen, strukturiert sich für sie dieser Lernort.
So
erleben sie bestimmte Plätze verstärkt als Lernorte, als Ruheorte, als Körperorte,
als Orte mit bestimmten sozialen Hierarchien. Wie zu Hause haben die Kinder die
Möglichkeit, sich frei in der Klasse zu bewegen und ihren Bedürfnissen
entsprechend Orte der Aktivität und des Rückzugs, also des gezielten Arbeitens
oder des ruhigen Verweilens anzusteuern. In diesem bewegten Sich-Einlassen
eignen sie sich ein Stück schulischer Lebenswelt an.
Quelle:
Norbert Heiny: Bewegung im Klassenraum. Gedanken zur Gestaltung eines
bewegungsfreundlichen Klassenraums, in: Die Grundschulzeitschrift 109
(1997) 47
