Bewegungseinschränkungen
im Schulalltag (Rüdiger Klupsch-Sahlmann)
Jeden
Morgen, in aller Regel gegen 8.00 Uhr, beginnt in unseren Schulen das Lernen. Es
dauert bis zum Mittag, an einigen Schulen auch länger. Gelernt wird in
Zeiteinheiten von 45 Minuten. 8.00-08.45 Deutsch; 8.50-9.35: Mathematik;
10.00-10.45 Biologie; 10.50-11.35: Geographie; 11.50-12.35: Französisch;
12.40-13.25 Religion (katholisch oder evangelisch). Diese Zeiteinheiten gelten
die ganze Woche lang. Manchmal gibt es auch Doppelstunden. Unterbrochen wird der
45-Minuten-Takt von den Wechselpausen (jeweils fünf Minuten) und den großen
Pausen. Für viele Schülerinnen und Schüler bedeutet dies für den
Schulvormittag: 270 Minuten sitzen und lernen, 15 Minuten auf die neue Lehrkraft
warten, 30 Minuten Pause.
Die
Schule - ein Bewegungsraum? Die gängige Auffassung, auch Wunschvorstellung
vieler Lehrkräfte ist folgende: Die Schule ist der Ort, wo Kinder und
Jugendliche etwas für das Leben lernen sollen! Dazu ist der Unterricht da.
Konzentriertes Lernen ist nur möglich, wenn die Lernenden frontal auf die
Lehrkraft ausgerichtet, auf Bücher und Arbeitsblätter, auf Folie, Wandkarte
und Tafel konzentriert sind und ruhig dem Unterricht folgen. Bewegung wird als
Störung betrachtet, ebenso wie Veränderungen der Sitzhaltung, die als
unschicklich gelten.
Auch
die Art des Lernens läßt Bewegung nicht zu. Das zu vermittelnde Wissen ist in
Büchern und Materialien niedergeschrieben, hat dort seinen festen Ort und kann
auch nur festgesetzt und ruhig sitzend aufgenommen und verarbeitet werden. Sich
bewegen durften und mußten diejenigen, die dieses Wissen einmal erarbeitet
haben: die Geographen, die Landschaften ausmessen, den Boden erkunden und alles
auf Karten festhalten; die Biologen, die den Tieren hinterherspüren, Pflanzen
sammeln und sich auf die Suche nach alten Bäumen machen usw.
In
einem kleinen Klassenraum bleibt bei 30 Schülerinnen und Schülern sowieso kein
Raum zum Bewegen. Zwar ist das Sitzen oft sehr unbequem, weil das Schulmobiliar
nicht auf die Körpergröße der Schülerinnen und Schüler hin ausgerichtet
ist. Aber es sind doch auch nur 45 oder 90 Minuten.
Außerdem
gibt es ja auch noch die Pausen. Hier kann man sich vom kognitiven Lernen
erholen und sich auch etwas bewegen, so dass die Schülerinnen und Schüler in
den folgenden Stunden für neue Lernstoffe wieder aufnahmebereit sind.
Schule
- doch ein Bewegungsraum? Zumindest im Sportunterricht, in der Grundschule
(hoffentlich) dreimal in der Woche, in den weiterführenden Schulen oft nur
zweimal, manchmal auch nur einmal, haben Kinder und Jugendliche ja schließlich
die Chance, sich kräftig zu bewegen. 45 oder 90 Minuten lang, oft bleibt durch
Umkleiden noch weniger Zeit, erhalten sie die Gelegenheit, sportliche
Bewegungsmuster zu lernen und zu üben. Darüber hinaus werden manchmal
Arbeitsgemeinschaften mit sportlichen Inhalten angeboten.
Aber
allzu häufig nehmen Kinder und Jugendliche die Bewegungsmöglichkeiten im
Schulsport nur ungern oder manchmal gar nicht mehr wahr, auch deshalb, weil
ihnen das Bewegen wie die anderen Inhalte im Frontalunterricht verordnet wird.
Was hier gelernt wird, haben schon andere (geschicktere, leistungsstärkere)
herausgefunden. Auch hier dominiert das nachvollziehende Lernen. Und wie das
schrittweise und systematisch zu geschehen hat, haben wiederum andere
Spezialisten festgelegt. Übungsreihen mit dem Ziel, effektives motorisches
Lernen zu verwirklichen, stehen oft im Mittelpunkt sportlicher Vermittlung.
Bewegung hat ihre Funktion als Form der Aneignung von Erfahrung, der Erkundung
ausgewählter Umwelten und als Selbstvergewisserung weitgehend verloren.
Die
<Bewegungsräume> an unseren Schulen sind häufig bewegungsfeindlich
strukturiert. Der asphaltierte Schulhof lädt nicht zum Spielen und Bewegen ein,
und das, was darauf möglich wäre, ist verboten, zum Beispiel Fußballspielen
in der Pause. Gelegenheiten zum Hüpfen und Springen sind selten.
Klettergelegenheiten fehlen. Tischtennisplatten sind genauso die Ausnahme wie
eine Einrichtung, die ein Streetballspiel ermöglichen würde. Skateboardfahren
wird aufgrund der Unfallgefahr untersagt.
Bewegung
in der Schule ist anscheinend nicht besonders wichtig. Neben den geschilderten
Einschränkungen werden sogar Tendenzen deutlich, und diese Diskussion wird
inzwischen in fast allen Bundesländern geführt, die Pflichtstundenzahl im
Sport zu reduzieren. Selbst der Vorschlag des nordrhein-westfälischen
CDU-Politikers Leonhard Kuckart, den Sportunterricht an den Schulen völlig zu
streichen und in die Sportvereine zu verlagern, war im politischen Sommerloch
des Jahres 1993 eine bedeutsame Schlagzeile.
Quelle:
Rüdiger Klupsch-Sahlmann: in: Bewegte Schule, in: Sportpädagogik 19 (1995) 2,
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