Landschaften
sind die Räume (Otto Herz)
Die
Stadt Langenhagen will im Ortsteil Kaltenweide eine Schule für den Primar- und
Sekundarbereich 1 bauen. Aus diesem Anlaß gab es eine Anhörung durch die
Stadt, bei der bildungspolitische und pädagogische Fachleute ihre
"Vision“ einer derartigen Schule für die Zeit nach 2000 vorstellen
sollten. Einer der Geladenen war Otto Herz, Mitglied des GEW-Hauptvorstands.
Ich
will auf ... Grundbedürfnisse von Menschen zu sprechen kommen, weil sowohl das
Lebensgefühl, wie die Lernqualität, wie die Qualität eines nicht nur
vertraglichen, sondern sich anregenden Zusammenlebens wesentlich davon abhängt,
ob diese Bedürfnisse in der Schule, wodurch auch immer, hinreichend zur Geltung
kommen können.
Das
Bedürfnis nach Stille
dass
ich dieses Bedürfnis an allererster Stelle nenne, ist kein Zufall. Es ist aber
dem Menschen, auch Kindern, ein ebenso großes Urbedürfnis, wie es in aller
Regel kaum architektonisch ernsthaft und von Anfang an in Schulen eingeplant
wird. Meditation, das ist aber eine Weisheit der Weltgeschichte, ist einer der
intensivsten Wege zur Be-Sinn-ung. Gerade die reizüberfluteten modernen Kinder
müssen sich in der Stille entleeren können, bevor sie wirklich aufnahmefähig
werden. Schulen brauchen daher Orte, Zonen - mit Blick auf Taizé sage ich -
Zelte, an denen und in denen sich geheimnisvoll und wirksam Stille über die
Menschen und in sie hineinlegt wie Balsam auf die Haut. Stille darf nicht eine Nötigung
durch Disziplinierung sein. Stille muß eine Einladung zum Ergötzen sein . Dann
entfaltet sie ihr Wirkung unter der Haut. Es können Räume sein, es kann aber
auch der Schatten majestätischer Bäume sein, die uns das spüren lassen, was
Kindern und Erwachsenen wirklich wohl tut.
Das
Bedürfnis, Lärm schlagen zu können
Zum
Urbedürfnis noch Stille ist die Möglichkeit, Lärm schlagen zu dürfen, die
andere Seite der Medaille. Wenn Schulen so konstruiert sind, dass das Bedürfnis
nach dem Urschrei dauernd durch die Mahnung "Sei still!“ unterdrückt
wird, dann dürfen wir uns nicht wundern, dass diese inhumane Unterdrückung
sich andernorts und in anderer Weise seinen Ausdruck, meistens dann seinen
Ausbruch sucht. Wo Halbwüchsige zum Beispiel, aber auch schon aggressive
Kleinkinder, auf Trommeln einschlagen können, das kann sich ja mit der Zeit
zivilisieren, da sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie auf Menschen
einschlagen. Irgendwelche Katakomben, die diesem anderen Urbedürfnis freien
Raum lassen, sind nötig für Schulen, die menschliche Energien nicht unterdrücken,
sondern geeignete Formen des Auslebens anbieten. Ohne dass dadurch alle anderen,
die dieser Lust gerade nicht frönen wollen, gestört werden.
Das
Bedürfnis nach Bewegung
Die
moderne Kindheitsforschung hat die alte Weisheit neu entdeckt, dass die Fähigkeit,
sich vielfältig bewegen zu können, eine die Geistesentwicklung fördernde
Bedingung ist. Die Psychomotorik ist eine Logomovik. Ich meine jetzt gar nicht
nur das zum Kult stilisierte Rückwärtsgehen, das heute vielen Kindern abgeht.
Ins Gleichgewicht, seelisch, geistig, sozial kommt nur, wer in der körperlichen
Bewegung, im Toben seine Möglichkeiten austestet. Sie spüren hoffentlich, dass
ich mit dem Bedürfnis nach Bewegung etwas sehr viel Weiteres meine als das
exakte Nachahmen vorgegebener Körperverrenkungen. Zum Glück sind heute
Sportlehrerinnen und -lehrer häufig schon Bewegungstherapeuten, die die
Bewegung nicht nur für ihr Fach reklamieren, sondern ihre Einsichten mit
einbringen. Wer einmal gesehen, besser noch: am eigenen Körper erlebt hat, wie
sich Zahlen, die kantige „1" zum Beispiel ganz anders als die weiche
„8", tanzen lassen, der begreift viel besser, was Zahlen besagen. - Ich
meine aber auch wieder nicht nur die geordnete, gewissermaßen die didaktische
Bewegung, sondern auch die ungezügelte genauso wie die kunstreiche. Es wäre
ein eigenes Kolloquium wert, die Vielfalt sich bewußt zu machen, die eine
Bewegte Schule, eine Schule der Bewegung eröffnet. Nur eines will ich noch anfügen.
Die Kunst der Bewegung ist oft hedonistische Kunst. Auch das ist nicht abwertend
gemeint. Wiederum sind es oft die nicht ganz einfachen Kinder, die im öffentlichen
Raum, nicht „unter Ausschluß der Öffentlichkeit“ zeigen wollen, welche
Cracks sie sind. Haben sie hier die Möglichkeit, sich Anerkennung zu
verschaffen, so brauchen sie nicht in die Welt bewußtseinsver- und zerstörender
Drogen abzutauchen, und sie brauchen auch nicht auf eine die Sozialität gefährdende
Weise zu demonstrativen (Gewalt-)Akten zu greifen.
Das
Bedürfnis nach Risiko
Ich
rede nicht dem Leichtsinn das Wort. Es geht mir um Tiefsinn. Das Leben ist ein
Risiko. Wer alle Risiken ausschließen will, liefert sich dem größten aus: dem
Risiko der Inkompetenz in riskanten Situationen, die sich nur in sterilen Pädagogikräumen,
sonst aber nirgendwo im Leben ausschließen lassen. Solche Sterilität des
Gefahrenausschlusses durch Möglichkeitsarmut führt zur Lebensuntauglichkeit.
Es tötet auch die Phantasie, die Geschicklichkeit, den Spürsinn für Bewältigungsformen,
das Auffinden von sekundären Hilfen u.ä. Alles das sind Eigenschaften, die der
Mensch in der Risikogesellschaft zum Überleben braucht. Die Frage, die ich natürlich
hier nicht erschöpfend beantworten kann, die ich aber aufwerfen muß, heißt:
Wie sehen Risiken in entwicklungsfördernden Lernlandschaften aus, die dazu
beitragen, dass Kinder und Jugendliche, auch Erwachsene (wieder) lernen, Risiken
zu erkennen, Risiken abzuschätzen, Fähigkeiten zu erwerben, in riskanten
Situationen zurechtzukommen, so souverän zu werden, dass - selbst bei
Anfeuerung von Leichtsinnigen - ich, du, wir es nicht nötig haben, uns durch
Tollkühnheit-Erwartungen verführen zu lassen. Ich empfehle, die
Erfahrungen von Abenteuerspielplätzen zu berücksichtigen.
Das
Bedürfnis, sich zu verstecken
Die
meisten von uns kennen die Siedlungen, in denen Hochhäuser stehen, oft
gruppiert um eine Innenfläche. Die Balkone der Hochhäuser schauen
nieder zu der Innenfläche. Nur sehr selten finden sich aber, selbst wenn die
Hochhäuser zeugungsintensiv sind, auf diesen Spielplätzen wirklich spielende
Kinder. Was ist der Grund? Es ist wiederum ein Urbedürfnis, nicht immer im
Blickpunkt zu stehen (genauso wie es ein Urbedürfnis ist, bisweilen im
Blickpunkt, im Mittelpunkt zu stehen. Das hatten wir schon). Kinder spüren ganz
genau, sie müssen es gar nicht sagen können, ihr Körper weiß es aber
intuitiv, dass die Balkone gewissermaßen Wachtürme sind, von denen aus in
jedem Augenblick die elterliche Kontrolle ausgeübt werden kann. Wer von uns mag
im Schatten von Wachtürmen aufwachsen, leben, gar spielen? Zu einer
entwicklungsfördernden Lernlandschaft gehören Unterschlüpfe, Hecken, in denen
ich verschwinden kann, Röhren, in denen ich kriechen kann, Bunker, die vor dem
Einblick schützen, Nischen, in die ich mich zurückziehen kann, Höhlen, in
denen Geheimnisse wittern. Nur wer sich verstecken darf, entwickelt einen
offenen Charakter.
Das
Bedürfnis, zu gestalten
Menschen
können gestalten. Ein banaler Satz. Ein wunderbarer Sachverhalt. Die
Gestaltungskraft von Kindern, von Jugendlichen, von jungen Erwachsenen zu fördern,
gehört zur „Krönung“ schulischen - und natürlich auch außerschulischen -
Lernens. Diese „Krönung“ steht nicht am Ende von Lernprozessen, sondern an
deren Anfang. Diese Pointe sollten wir in uns einsickern lassen. Die
Vorstellung, erst mußt du das können und dann das und dann das nächste, und
wenn du das alles gut und richtig dir angeeignet hast, dann können wir uns an
anspruchsvollere Aufgaben heranwagen, dann kommt - was eigentlich? - die
Eigengestaltung als „Krönung“ zum Abschluß: Diese Vorstellung widerspricht
der Einsicht, dass die kreativen Gestaltungskräfte von Kindern um so mehr sprießen,
je weniger sie - in diesem zu recht abfälligen Sinne - verschult werden. Daher
kommt der schöne Satz, der eine kleine didaktische Revolution auslöst, wo er
kompetent für wahrgenommen wird: freischreiben statt vorschreiben. Kinder sind
Künstler, Künstler brauchen Freiräume, sonst verkümmert, sonst verkrüppelt
ihre Kunst. Künstler brauchen Gestaltungsrechte, sonst will ihre
Gestaltungskraft sich nicht recht entfalten. Auch bei den Lehrerinnen und
Lehrern. Ich sage gerne - weiter - gefaßt: bei den Pädagogen (mit
differenzierten Schwerpunkten), denn ich will die Überwindung der
historisch-verfestigten, sachlich-überlebten Trennung von Sozialpädagogen und
Schulpädagogen. Wir sollten bei Pädagogen nicht von Einzelkämpfern sprechen,
sondern von Einzelkünstlern. Auch für die Einzelkünstler gilt, dass sie
ihre Gestaltungsmöglichkeiten in Schule, ihr Veränderungsrecht (ich sage Recht
und nicht Rechte, weil ich das Prinzip Recht meine, nicht - einzeln zugestandene
- Rechte) erkennen und nutzen. Mit den Kindern, auch mit den Eltern nicht ohne
und schon gar nicht gegen sie. Auch mit außerschulischen Partnern. Auch in der
Gemeinsamkeit der Pädagogen. Teamkünstler sind heute gefragt. Es dürfte für
alle Planungsüberlegungen bedeutsam sein, wenn die Lernlandschaft so gestaltet
wird, dass sie über Schülergenerationen und Lehrergenerationen hinweg offen für
Veränderung bleibt.
Das
Bedürfnis, die Ergebnisse seines Tuns zeigen zu wollen
Wer
etwas tut, will in aller Regel, dass es andere sehen. Denn nur wenn sie es
sehen, was wir getan haben, können sie Anerkennung zeigen und Kritik zollen.
Ich meine: Viel zu oft sind viele schulischen Lernprozesse darauf abgerichtet,
in Klassenarbeiten münden zu sollen. Klassenarbeiten sind aber nur für
schulpathogene Menschen ein Existenzzweck. Es möge in Ihrer Schule darauf
ankommen, dass sie eine Ausstellungshalle wird, in denen immer wieder das präsentiert
wird, auch Zwischenschritte und Zwischenergebnisse, auch Mißlungenes, woran
gearbeitet wird und gearbeitet wurde. Ganz einfach als Einladung, am Geschehen
teilnehmen zu können. Ach, ich merke, Ausstellungshalle, das Wort gefällt mir
nicht. „Halle“ klingt so hohl. Lassen wir es, das geeignete Wort möge sich
finden im Prozeß der Entfaltung des Gedankens.
Das
Bedürfnis, Geselligkeit zu erleben
Es
gibt Visionen von Schule, die traditionell keine Schule mehr ist. Es ist eine
dezentral verteilte Ansammlung von Heimarbeitsplätzen, die online verbunden
sind. Wo moderne Medien es möglich machen, dass - weltweit! - jede Person mit
jeder über den Bildschirm kommuniziert, die Voraussetzung, einen solchen Bildschirmheimarbeitsplatz
zu haben, wird sich immer mehr verbreitern, auch - oder gerade? - in die ärmeren
Gesellschaftskreise hinein, warum sollte man es dann noch auf sich nehmen,
Fahrtkosten zu erzeugen, sich Unfallgefahren auszusetzen, in schlechter
ausgestatteten öffentlichen Räumen sich einzufinden? Gegen diese Vision, der
nachzugehen ich - wegen ihrer Folgewirkungen - durchaus für lohnend ansehe,
setze ich hier aber meine Sicht, dass Schule ein Ort ist, bleiben wird, noch
mehr werden möge, an dem ein großer Kreis von sehr unterschiedlichen Menschen
in sehr verschiedenen Konfigurationen an sehr verschiedenen Zeiten des Tages,
der Woche, vielleicht selbst an Wochenenden, sich einfinden, um Geselligkeit zu
erleben. Geselligkeit sage ich, kein billiges Amüsement. Deswegen habe ich die
Vorstellung von Lernbistros, von Lernpubs, von Lernmarchés, von Lernbrunnen,
von Lernplazas, von anregenden Lernstraßen, von Lernalleen, von Lernparks, von
Lerncabarets, von Lernbühnen, von Lernwandelhallen. Sie mögen, bitte, nicht
annehmen, ich sei ein Lernneurotiker, der sich nichts denken könne, was nicht
mit Lernen verbunden sei. Sie mögen aber annehmen, dass ich diese Vision für
hoch realistisch halte. Ich kann zu keiner besseren Einsicht kommen, trotz der
gesuchten Auseinandersetzung mit konträren Auffassungen, dass die
gesellschaftliche Verständigung vermehrt autonomer Individuen in wachsender
gesellschaftlicher Pluralität nur Chancen hat, wenn es eine gesellige Schule
gibt, eine Schule der Geselligkeit, die nicht nur eine Schule sein wird, in der
gelernt wird, sondern die selbst eine Lernende Schule ist.
Quelle:
Otto Herz: Landschaften und Räume sind die Haut - Wie können wir uns in dieser
Haut wohlfühlen? - eine Antwort von Otto Herz, in: Deutsche Lehrerzeitung
41/42, 17.10.1996
