Bayreuther Forscher
lassen in 4-jähriger Studie Kinder zu Wort kommen. Verbale und
zeichnerische Äußerungen von 400 Kindern ausgewertet. Kinder würden
den Lernraum so gestalten, dass Sie mehr Bewegungsfreiheit hätten.
Bayreuth (UBT). Wenn Kinder
über die Gestaltung ihrer Schule zu entscheiden hätten, so würden sie
einen Lernraum entwickeln, der die Prinzipien Bewegungsfreiheit,
Handlungsorientierung und Selbstbestimmung integriert. Die flächendeckende
Konzipierung entsprechender Schulprojekte dürfte sich im Hinblick auf
eine ganzheitliche Bildung als vielversprechend erweisen. Diese These
leiten Bayreuther Forscher aus einer vierjährigen Studie mit 400
Kindern ab.
In einer Zeit, in der die
PISA-Studie und diverse Gesundheitsuntersuchungen den Eindruck erwecken,
dass es weder um die geistige noch um die körperliche Gesundheit
unserer Kinder gut bestellt ist, legten nun Bayreuther Forschergruppe
bemerkenswerte Ergebnisse vor. Das zwölfköpfige Team unter der Leitung
des Sportwissenschaftlers Dr. Peter Kuhn untersuchte die Frage, wie sich
Kinder ihre Schule vorstellen, wenn es die Möglichkeit gäbe, Lernen
mit Bewegung zu verknüpfen.
Die Kinder konnten ihre Wünsche
und Vorstellungen zeichnerisch und verbal äußern. Um ein möglichst
vollständiges Bild zu gewinnen, baten die Forscher die Kinder, ihre
Zeichnungen nach Klassenzimmerunterricht, Pausenhof und Sportunterricht
zu differenzieren. So entstanden nahezu 1200 Kinderzeichnungen, die -
zusammen mit den Interviews - Aufschluss darüber geben, wie sich der
Ausweg aus der Bildungs- und Gesundheitsmisere aus der Kinderperspektive
darstellt.
Blickt man zunächst auf
die Ergebnisse zum Sportunterricht, so zeigt sich, dass die Kinder dem
Bewegungslernen durchweg hohe Bedeutung beimessen. Dabei machen sie im
Hinblick auf die Lerninhalte facettenreiche Vorschläge, die von
traditionellen Schulsportarten über angesagte Freizeitaktivitäten bis
zu fantastischen Aktionsspielräumen reichen. Besondere Aufmerksamkeit
verdienen die kindlichen Vorstellungen von den Lernbedingungen: Kinder wünschen
sich Freiräume, in denen sie selbst bestimmen dürfen, was sie lernen
und wie sie es lernen möchten; Kinder wünschen sich Zeit zum Üben,
weil "Können" "Spaß" macht; Kinder wünschen sich
kompetente Sportlehrer, die Verständnis für Fehler und Schwächen
haben und die unterstützen, anstatt zu sagen: "Das und das kannst
du nicht".
In der Betrachtung der
Ergebnisse zum Pausenhof fällt auf, dass Kinder Wert auf eine lange
Pause legen - gegebenenfalls um den Preis, dass sich damit die
Vormittagsschulzeit verlängert. Die Pausenhöfe sollen vielfältig mit
attraktiven Bewegungs-, Spiel- und Sportgelegenheiten ausgestattet sein.
Die Funktionen der Pause bestehen für Kinder im Spielen, Austoben und
Ausruhen, damit - so argumentieren sie selbst - man anschließend, wenn
man wieder etwas lernen will, "nicht mehr so zappelig" ist und
"besser aufpassen" kann. Wieder wird auch in diesem
Schulbereich deutlich, dass Kinder es für wichtig halten, in der Schule
Zeiten zu haben, in denen sie über ihre Aktivitäten selbst bestimmen dürfen.
Begleitstudien des
Bayreuther Teams zeigen in diesem Zusammenhang, dass sich viele Kinder
in der Pause relativ mehr, vielseitiger und intensiver bewegen als im
Sportunterricht. Daraus geht hervor, dass es in erster Linie darauf
ankommt, Freiräume zu schaffen, wenn man dem Bewegungsmangel von
Kindern in der Schule begegnen möchte. Das Erleben dieser Freiräume
wirkt sich dann wiederum positiv auf die Lernbereitschaft und
Konzentrationsfähigkeit der Kinder aus.
Deshalb bedauern sie es
auch sehr, wenn Lehrkräfte in der Pause ihren Handlungsspielraum
einschränken und "uns dauernd den Ball wegnehmen" oder sagen,
dass "wir hier nicht rennen sollen". Diesen Lehrkräften würden
sie statt dessen verordnen, "dass die auch mal mitmachen sollen,
nicht bloß rumstehen", denn "die sollen ja auch mal Spaß
haben, nicht immer bloß Unterricht und so".
Die Äußerungen der Kinder
zeigen, dass sie sich mehr Handlungs- und Gestaltungskompetenz zutrauen
als ihnen in der Regel zugetraut wird. Besonders deutlich wird dies in
den Ergebnissen zum Klassenzimmerunterricht.
Die Kindervorstellungen von
einem Klassenzimmerunterricht mit ausgewogenen Lern- und
Bewegungsbedingungen lassen sich in drei Prinzipien bündeln:
Bewegungsfreiheit am Arbeitsplatz, Wechsel von Arbeits- und
Bewegungsphasen, Verknüpfung von Lernen und Bewegung. Für ihre
entsprechenden Bildmotive liefern die Kinder anschauliche und plausible
Begründungen: Zum Thema Bewegungsfreiheit meint Philip (10 Jahre),
"dass man halt da nicht immer so still dasitzen muss, sondern dass
man sich da auch mal ein bisschen bewegen kann und so hinsetzen kann, so
gemütlich, wie ich jetzt hier sitze". Für Stefanie (10) wäre es
wichtig, "dass man manchmal aufstehen dürfte und rausgehen darf
ein paar Minuten". Nina (10) würde es "reichen, einfach so
rumzulaufen", also etwas mehr Bewegungsfreiheit zu bekommen. Auch
Kevin (8) fände das gut, "aber es wäre halt für die anderen auch
wieder ablenkend". Kinder schätzen also auch die Problematik der
Bewegungsfreiheit realistisch ein.
Dies zeigt sich auch in der Beurteilung von Sitzbällen, die in diesem
Zusammenhang ein besondere Rolle spielen: Benjamin (9) würde folgendes
mit seinem Lehrer aushandeln: "Ich tät ihm sagen, das können wir
mal ausprobieren, und wenn es nicht klappt, dann bleiben wir bei den Stühlen.
Oder wir können es auch so machen, die, die mit den Bällen keinen
Schabernack machen, dass die die Bälle behalten können und die, die
halt Schabernack treiben, halt denen die Bälle wegnehmen". Zur
Begründung regelmäßiger Bewegungspausen meint Florian (11),
Bewegungspausen haben "deswegen einen guten Sinn, weil dann wird
einmal das Gedächtnis ein wenig heller und auf der anderen Seite ist es
auch gut für den Körper, weil die Muskeln trainiert werden".
Melanie (8) ist der Auffassung, "wenn man immer bloß so krumm
sitzt, dann kann man ja auch nicht denken". Katharina (10) braucht
Bewegungspausen, damit "man wieder ein freies Hirn hat, einfach
damit man ein bisschen Bewegung hat, sonst rostet man ja ein".
Robert (10) findet Bewegung gut, "weil man sich da austoben kann
und dass wir aufwachen sozusagen". Daniel (12) schließlich ist überzeugt,
"wenn wir ein bisschen mehr Spiele machen würden, da hat man auch
mehr Lust zum Lernen".
Und schließlich soll
Michael zu Wort kommen. Der Zehnjährige konzipiert ein komplexes
Projekt für den Sachunterricht und gibt damit Antwort auf viele Fragen,
die PISA aufgeworfen hat: "Also, dabei habe ich gedacht, dass man
auch Unterricht in freier Natur machen kann und dass man auch, wenn man
im Heimat- und Sachkunde macht, auch rumlaufen kann und zeigen kann, wie
das und das geht und dann Sachen untersucht und der Lehrer uns das erklärt,
wie das entstanden ist und dass wir auch ein bisschen rechnen, wie viel
Wasser den Bach runterfließt, dass man das irgendwie messen kann mit
Geräten. Oder vom Zweig, dass man den abschneidet vom Baum, und dann
die Blätter zählt und dann ungefähr ausrechnet, wie viele so ein
kleiner Busch hat, so ein kleiner Baum. Und dann könnte man das auch
verbinden mit dem Unterricht und dem Sport, dass wir so durch den Ort
joggen und dann der Lehrer immer was erklärt. Man könnte das auch
zusammentun, zum Beispiel Basketball spielen, und wenn der Lehrer fragt,
wenn du jetzt fünf Meter weit weg stehst und dann, wenn der andere
kommt und Du gerade werfen willst, wie lange braucht der Sowieso, wenn
der andere ankommt, und wie lange braucht der Ball, bis er in den Korb
geht. Oder so Sachaufgaben, zum Beispiel, wenn der Ball in einer Sekunde
der Minute soviel aufspringt, wie oft springt er dann in der Stunde auf,
wenn einer das ununterbrochen macht. Und wenn man dann eine Runde läuft,
dass man dann sagt, wie viel Kilometer sind wir jetzt gelaufen und wie
viele Dezimeter sind das jetzt insgesamt. Oder wir machen eine
Malrechnung, und wenn wir dann den Weg wieder zurück joggen, wie viel
sind wir dann insgesamt gelaufen. Finde ich dann schöner, und dann könnte
man auch den Sport und den Unterricht so zusammentun und dann ist der
Unterricht auch gut".
Kontakt:
Dr. Peter Kuhn
Universität Bayreuth
Institut für Sportwissenschaft
Tel. 0921-553469
peter.kuhn@uni-bayreuth.de
Quelle: http://idw-online.de/public/pmid-53152/zeige_pm.html
/ 20. Oktober 2002