 | | Doris
Küpper
Der
Schulsport in NRW bewegt sich:
Neue Lehrpläne auf der Grundlage von
"Rahmenvorgaben für den Schulsport"
"Schulsport in Bewegung" - so lautete das Motto
des Ersten Schulsportsymposions Nordrhein-Westfalens, bei dem im Jahre 1994 die
Frage nach einer neuen pädagogischen Leitvorstellung für den Schulsport
diskutiert wurde. Vertreterinnen und Vertreter der schulischen Praxis und der
Wissenschaft artikulierten Unzufriedenheit mit den seinerzeit geltenden
Richtlinien und Lehrpläne für den Schulsport und forderten nachdrücklich
deren Revision.
Was 1994 noch Wunsch und Absichtserklärung war, ist
inzwischen Wirklichkeit geworden. Ein grundlegendes pädagogisches Konzept, das
in den "Rahmenvorgaben für den Schulsport" (im folgenden
"Rahmenvorgaben") inzwischen Gestalt angenommen hat, sollte die
Richtung für die Lehrplanrevision aller Schulformen verbindlich festlegen. Es
liefert die pädagogische Basis für die bereits erschienenen und die in der
Entwicklung befindlichen Lehrpläne für den Schulsport und schafft damit die
Voraussetzungen dafür, dass die Lehrpläne für den Schulsport aller
Schulformen und Schulstufen auch nach ihrer Revision einem in sich stimmigen und
aufeinander aufbauenden pädagogischen Konzept folgen. Einige der in den
"Rahmenvorgaben" entfalteten Kerngedanken sollen hier vorgestellt
werden.
Die Vorgängerlehrpläne für den Schulsport, die im Jahre
1981 in Kraft traten, in ihrem pädagogischen Selbstverständnis allerdings den
fachpädagogischen Vorstellungen aus den 70er Jahren verpflichtet waren, folgten
einer Leitidee, die dem Schulsport als Zielorientierung die Entwicklung von
"Handlungsfähigkeit im Sport“ vorgab. Dies konnte nur so lange auf einen
allgemeinen Konsens rechnen, wie der außerschulische Sport als gesellschaftlich
hochrangiger Wert auch als Leitbild für den Schulsport gelten konnte. Daran hat
sich inzwischen einiges geändert: Der außerschulische Spitzensport ist von
Entwicklungen (z. B. Kommerzialisierung, Leistungsmanipulation) betroffen, die für
eine pädagogische Orientierung unhaltbar geworden sind. Die breitensportlich
orientierte außerschulische Sportwirklichkeit verändert sich rasant und
entwickelt neben neuen Inhalten auch neue Organisationsstrukturen, deren Vorzüge
und Nachteile nur noch schwer durchschaubar sind. Die Diskussion um einen
Werteverlust in unserer Gesellschaft erreichte auch den Sport. Sie warf Fragen
danach auf, ob der Schulsport denn seine pädagogischen Potenziale überhaupt
hinreichend nutzen könne, wenn er sich allein mit dem Aufbau von Kompetenzen für
eine Teilhabe an einer immer unübersichtlicher und in Teilen fragwürdiger
werdenden außerschulischen Sportwirklichkeit begnügte. So geriet der
Schulsport unter einen wachsenden Legitimationsdruck.
Der Doppelauftrag des Schulsports
Ein vorrangiges Ziel der anstehenden Lehrplanrevision
musste also darin bestehen, dem Schulsport eine zeitgemäße und überzeugende
Grundlage zu verschaffen, die deutlicher als bislang seine unersetzbaren
Potenziale für die Entwicklung Heranwachsender offen legte. Dies ist inzwischen
geschehen; die "Rahmenvorgaben" sichern der darauf aufbauenden
Lehrplanrevision ein geschärftes pädagogisches Profil. Die Leitidee für den
Schulsport wird nun in einem Doppelauftrag gefasst. Er lautet:
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Entwicklungsförderung durch Bewegung, Spiel und Sport und
Erschließung der Bewegungs-, Spiel- und Sportkultur. |
Im ersten Teil dieser Formulierung wird der Schulsport
ausdrücklich auf die Aufgabe verpflichtet, Heranwachsende mit den besonderen
und unaustauschbaren Möglichkeiten, die Bewegung, Spiel und Sport bieten,
nachhaltig in ihrer Gesamtentwicklung zu fördern. Dies war zwar vor dem
Hintergrund des alten Lehrplankonzepts nicht ausgeschlossen, es geschah aber
eher funktional und beiläufig. Das neue Lehrplankonzept verlangt vom Schulsport
deutlicher als bisher, Entwicklung als einen ganzheitlichen Prozess zu
verstehen, der physische, psychische und soziale Dimensionen integriert.
Der zweite Teil des Doppelauftrags greift die pädagogische
Intention der alten Richtlinien und Lehrpläne, nämlich Kindern und
Jugendlichen das gewachsene Kulturgut "Sport' zu erschließen, als eine pädagogische
Verpflichtung auf, versteht das Spektrum dessen, was dieses Kulturgutes
ausmacht, in einem erweiterten Sinne. Die Gefahr der Reduktion auf ein möglicherweise
zu eng verstandenes Phänomen ‚Sport’ soll durch die Öffnung der
Inhaltsbeschreibung in der Formulierung "Bewegung, Spiel und Sport' gebannt
werden.
Beide Teile des Doppelauftrags stehen in einem komplexen
Bezugsgeflecht zueinander. Zu ihrer Verwirklichung geben die
"Rahmenvorgaben" weitere Orientierungshilfen, die es den Sportlehrkräften
erleichtern können, den Doppelauftrag zu erfüllen.
Pädagogische Perspektiven für den Sport in der Schule
In sechs Pädagogischen Perspektiven auf den Sport in der
Schule beschreiben die „Rahmenvorgaben" das, was im Schulsport an
entwicklungsförderlichen Absichten zu verwirklichen ist und in welcher Weise
dabei zugleich eine erschließende Funktion für das komplexe Feld von Bewegung
Spiel und Sport erfüllt werden kann. Unter jeder Perspektive wird also das pädagogische
Potenzial des Schulsports verdeutlicht':
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Wahrnehmungsfähigkeit verbessern, Bewegungserfahrungen
erweitern |
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Sich körperlich ausdrücken, Bewegungen gestalten |
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Etwas wagen und verantworten |
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Das Leisten erfahren, verstehen und einschätzen |
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Kooperieren, Wettkämpfen und sich verständigen |
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Gesundheit fördern, Gesundheitsbewusstsein
entwickeln |
Es würde zu weit führen, jede Perspektive im Einzelnen zu
erläutern. Wichtig erscheint der Hinweis in den "Rahmenvorgaben"
(Lehrplan Sport Grundschule S. XXXII), dass Sport unter jeder pädagogischen
Perspektive betrachtet ambivalent ist, und dass die Entwicklungschancen, die er
bietet, nicht nur verfehlt werden können, sondern dass ihnen möglicherweise
sogar Gefahren gegenüberstehen. Daraus resultiert die Forderung: "Der
Schulsport soll ein Modell des humanen Sports sein" (a. a. 0. S. XXII).
Diese Forderung stellt einen Appell an die pädagogische Verantwortung der
Lehrkräfte dar und verpflichtet sie, jungen Menschen auf der Suche nach
Wertorientierungen für ihr Sporttreiben zu helfen.
Erziehender Sportunterricht
Mit der Forderung nach Wertorientierung schließen sich die
"Rahmenvorgaben“ dem Konzept eines Erziehenden Unterrichts an, der in den
Richtlinien für die einzelnen Schulformen längst verbindlich gefordert wurde,
im alten Lehrplankonzept allerdings nicht besonders erwähnt wurde. Geschlossen
wird, damit auch eine konzeptionelle Kluft, die zwischen den schulformbezogenen
Richtlinien und dem Fachlehrplan für den Schulsport bestand. Im Erziehenden
Sportunterrichts geht es darum, neben der sacherschließenden Funktion von
Unterricht immer auch die Vermittlung von Einstellungen und Werthaltungen in den
Blick, zu nehmen und umgekehrt diese auch an konkret erfahrbare fachspezifische
Sachverhalte anzubinden.
Zur Konkretisierung eines Erziehenden Sportunterrichts
werden in den "Rahmenvorgaben" (vgl. Lehrplan Grundschule S. XLI bis
XLII) die Prinzipien Mehrperspektivität, Erfahrungs-. und
Handlungsorientierung, Reflexion, Verständigung und Wertorientierung für den
Schulsport fachspezifisch beschrieben und ausgelegt.
Das Inhaltsverständnis
Das pädagogische Konzept der "Rahmenvorgaben" öffnet
und erweitert das Inhaltsspektrum. Dies wird bereits an der Erweiterung des
Sportbegriffs (vgl. Ausführungen zum Doppelauftrag) deutlich, geht aber weit
darüber hinaus. Das nahezu unübersehbar gewordene Inhaltsspektrum wird in den
"Rahmenvorgaben" geordnet. Bestimmte Inhaltsbereiche, die berücksichtigen,
dass die außerschulische Wirklichkeit im Bereich Bewegung, Spiel und Sport
einer ständigen Erweiterung und Veränderung unterliegt, die aber
sicherstellen, dass bewährte und traditionell etablierte Sportarten ihren
gesicherten Platz im Schulsport behalten, werden abgegrenzt. Der explizit auf
die Entwicklungsförderung bezogene Teil des Doppelauftrags verpflichtet den
Schulsport aber auch darauf, sein Inhaltsverständnis nicht zu früh und nicht
ausschließlich in eine Sachsystematik von Sportarten zu pressen und damit
vorzeitig zu kanalisieren.
Die folgenden zehn Inhaltsbereiche markieren das
Inhaltsspektrum des Schulsports (Lehrplan Grundschule S. XXXIV):
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Den Körper wahrnehmen und Bewegungsfähigkeiten ausprägen |
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Das Spielen entdecken und Spielräume nutzen |
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Laufen, Springen, Werfen - Leichtathletik |
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Bewegen im Wasser - Schwimmen |
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Bewegen an Geräten - Turnen |
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Gestalten, Tanzen, Darstellen - Gymnastik/Tanz, Bewegungskünste |
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Spielen in und mit Regelstrukturen - Sportspiele |
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Gleiten, Fahren, Rollen - Rollsport, Bootssport,
Wintersport |
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Ringen und Kämpfen – Zweikampfsport |
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Wissen erwerben und Sport begreifen |
Die Inhaltsbereiche 1 und 2 sind inhaltsbereichsübergreifend
und enthalten jene Bewegungs- und Spielhandlungen, die grundlegende Kompetenzen
in der Auseinandersetzung mit Bewegung und Spiel erschließen helfen.
Die Inhaltsbereiche 3 bis 9 sind jeweils gewachsene
Bewegungsfelder, die sich unter Einschluss definierter Sportarten durch typische
Handlungsintentionen oder Bewegungsbedingungen voneinander unterscheiden. Die
Bezeichnungen sind jeweils so gewählt, dass der erste Teil das Bewegungsfeld in
seiner ganzen Weite anspricht. Damit wird auch künftigen inhaltlichen
Entwicklungen in dem jeweiligen Inhaltsbereich Rechnung getragen. Der zweite
Teil der Inhaltsbereiche 3 bis 9 greift etablierte und neue Sportarten oder
Sportbereiche auf und sichert damit einerseits Kontinuität, andererseits auch
Aktualität.
Der Inhaltsbereich 10, in dem es um den Erwerb von
Kenntnissen und Einsichten im und bezogen auf das Handlungsfeld Bewegung, Spiel
und Sport, das eigene Sporttreiben und, die Bedeutung von Bewegung, Spiel und
Sport im außerschulischen Raum geht, durchdringt die Inhaltsbereiche 1 bis 9
vielfältig.
Welche Chancen eröffnet das neue Lehrplankonzept?
Mit den bisherigen Ausführungen wurden jene
Grundentscheidungen der "Rahmenvorgaben" beschrieben, die für die
Lehrplanentwicklung aller Schulformen und Schulstufen leitend sind. In einer
abschließenden Bewertung sollen einige wichtige Konsequenzen erwogen werden,
die für die Stellung des Fachs in der Schule und für Sportlehrkräfte
bedeutsam sein können.
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Der pädagogische Ansatz der
Rahmenvorgaben" sichert
eine bessere Integration des Schulsports in das schulische Gesamtkonzept. Durch
die explizite Bezugnahme auf pädagogischen Leitvorstellungen der Richtlinien für
die einzelnen Schulformen sowie auch durch die äußere Integration in die
jeweiligen Lehrplanreihen für alle Fächer werden Widersprüche und Brüche
beseitigt, die durch die weitgehend autonome Stellung der alten Richtlinien und
Lehrpläne für den Schulsport entstanden waren. |
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Die "Rahmenvorgaben" stärken die Verantwortung
der einzelnen Schule, weil eine Fülle von inhaltlichen Konkretisierungen und
Akzentuierungen vor dem Hintergrund allgemeiner Lehrplanvorgaben je nach den
Voraussetzungen und Bedingungen der einzelnen Schule getroffen werden können
und sollen. Schulen gewinnen auf diese Weise die Chance, ein jeweils eigenes
schulsportliches Profil zu entwickeln. |
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Sportlehrerinnen und Sportlehrer werden durch die
"Rahmenvorgaben" angeregt, sich aktiv gestaltend in die
Schulprogrammentwicklung einzubringen. Die pädagogischen Orientierungen der
"Rahmenvorgaben" liefern hierzu eine Fülle von Überzeugenden
Argumenten. |
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Sportlehrkräfte sollten angesichts der anstehenden
Lehrplanrevision die darin enthaltenen Chancen für ihr professionelles
Selbstverständnis erkennen und nutzen. Ein pädagogisch profilierter
Sportunterricht, der mehr und anderes ist als die bloße Vermittlung von
Sportarten, stärkt ihr Berufsbild in Schule und außerschulischer Öffentlichkeit
und hilft nicht zuletzt auch, qualitative und quantitative Beanspruchungen im
Schulsport überzeugender als bisher vorzutragen und zu vertreten. |
Zur Autorin
Doris Küpper ist Professorin (em.) für
Sportpädagogik an der Uni-GH Wuppertal und Mitglied der Zentralen Arbeitsgruppe
Curriculum-Revision in NRW.
Anmerkungen
(1) Richtlinien und Lehrpläne für die Grundschule in
Nordrhein-Westfalen - Sport. Frechen 1999, s. XXVIL ff.
(2) Vgl. dazu das Teilkapitel "Rahmenvorgaben für den
Schulsport in den Richtlinien und Lehrplänen für die Grundschule in NRW -
Sport (Frechen 1999) sowie für die Sekundarstufe II Gymnasium/Gesamtschule in
NRW - Sport (Frechen 1999) sowie Kurz, D., Zur pädagogischen Grundlegung des
Schulsports in, Nordrhein-Westfalen.
Literatur
Kurz, D., Zur pädagogischen Grundlegung des Schulsports in
Nordrhein-Westfalen. In: Landesinstitut für Schule und Weiterbildung (Hrsg.),
Werkstattberichte Curriculumrevision im Schulsport, Heft 3, Vorschläge zur
Curriculumrevision in Nordrhein-Westfalen. Soest 1997. 8-42.
MSWWF - Ministerium für Schule und Weiterbildung,
Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), Richtlinien
und Lehrpläne für die Grundschule in Nordrhein-Westfalen - Sport. Frechen
1999.
MSWWF (Hrsg.), Richtlinien und Lehrpläne für die
Sekundarstufe II - Gymnasium/Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen - Sport.
Frechen 1999.
Quelle
neue deutsche schule / Heft 11-2000 /
abgedrucktes Manuskript

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