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Bewegungsfreudige
Gestaltung des Schulhofs
(Annette
Fieblinger, Kreuzschule
Mussum in Bocholt)
Schulhöfe
- langweilig, öde und schmutzig ?
Langweilig
sind sie oft, öde und viel zu schmutzig Schulhöfe sind Orte, an denen Verbote
dominieren. Hier ist oft wenig erlaubt. Auf asphaltierten Flächen sollen sich
Kinder nach dem Stillsitzen in den langen Stunden erholen. Alles in allem sind
es unstrukturierte Flächen, welche die Spiel-, Bewegungs- und Lebensbedürfnisse
von Kindern im Grundschulalter nicht berücksichtigen.
Ob
dieses Bild von Schulhöfen noch in vielen Fällen zutrifft oder nicht, mag der
Leser und die Leserin dieses Beitrages entscheiden. Tatsache ist jedoch, dass
Pausenunfälle in den Schulstatistiken zur Unfallhäufigkeit die traurige
Spitzenposition einnehmen. Hauptgründe für eine Vielzahl dieser Unfälle sind
laut Angaben des Gemeindeunfallversicherungsverbände zum einen die
„Gestaltung" der meisten bundesdeutschen Schulhöfe, zum anderen die
immer größer werdenden Koordinationsstörungen und Bewegungsmängel von
Kindern im Grundschulalter. Es ist fahrlässig zu glauben, dass der
Sportunterricht allein diesen Bewegungsdefiziten und Koordinationsstörungen
entgegen wirken kann. Besonders deutlich wird dies, wenn man sich darüber klar
wird, welchen Stellenwert der Pausenhof als Ort des täglichen Aufenthalts für
Schulkinder hat. Die Zeit, die ein Grundschulkind auf dem Pausenhof verbringt,
schwankt zwischen drei Schulstunden ( im ersten Schuljahr) bis zu fast fünf
Schulstunden pro Woche (im vierten Schuljahr), wobei die Zeit vor
Unterrichtsbeginn und nach Unterrichtsbeginn nicht einmal berücksichtigt worden
ist.
Darüber
hinaus haben Schulversuche gezeigt, dass sich das Unfallrisiko während der
Pause verringert, wenn durch bauliche, gestalterische und organisatorische Maßnahmen
die Voraussetzungen für eine aktive Pause geschaffen werden: Mehr Bewegung
reduziert die Unfallzahlen! Ebenso kann nachgewiesen werden, dass die
Pausenatmosphäre entspannter und konfliktfreier wird, Streitereien und
aggressive Handlungen erheblich abnehmen, sobald die Pausenaktivitäten
‚strukturiert‘ ablaufen (vgl.
Bundesverband der Unfallversicherungsträger 1991, 20 ff.)
Aber
das Verletzungsrisiko durch einen strukturiert gestalteten Schulhof zu
minimieren, ist nur die eine Seite der Medaille. Vielmehr schafft ein solcher
Schulhof darüber hinaus vielfältige Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten, die
den Bewegungsinteressen unserer Kinder entsprechen. Der Lebensraum Schule wird
so auch zu einem Bewegungsraum, weil Bewegung eine bedeutsame kindliche Lebensäußerung
ist, für die auch in der Schule ‚Raum‘ geschaffen werden muss.
Diese
Tatsachen sollten Anlass genug dafür sein, dass das Kollegium meiner Schule die
Gestaltung des Pausenhofs als Aufgabe und Chance sah, über die reine
Unterrichtszeit hinaus den Schulvormittag kindgerechter zu gestalten. In bislang
fünfjähriger Bauzeit hat sich das Kollegium unserer Schule bemüht, diesem
Ziel näher zu kommen. Der Weg, den wir beschritten haben, soll hier beschrieben
werden.
Erste
grundlegende Überlegungen
Die
Ausgangssituation auf unserem Schulhof war sicher typisch für viele Schulhöfe
unseres Landes. Er bestand aus einer zur Hälfte asphaltierten und zur anderen Hälfte
aus Rasen bestehenden Fläche. Zwei Tischtennisplatten und unterschiedlich hohe
Turnstangen wurden von den Kindern mehr oder weniger genutzt. In den Pausen
dominierten fast immer die Ballspieler, die den größten Teil der Rasenfläche
beanspruchten. Ansonsten spielten die Kinder die üblichen Pausenspiele wie
Fangen, Seilchen springen, Gummitwist oder Schlangenlaufen. Darüber hinaus
standen den Kindern auch Geräte aus einer Spieltonne zur Verfügung: Stelzen,
Indiakas, Tennissoftballspiele, Pedalos, Frisbeescheiben, Seilchen und dicke
Seile. Mal hatten die Seilchen-Spiele, dann wiederum das Tischtennis-Spiel
Hochkonjunktur. Wir konnten feststellen: Alle unsere Kinder hatten in der Pause
Gelegenheit, sich zu bewegen. Dennoch traten immer wieder bei den Kolleginnen
und Kollegen folgende Fragen auf:
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Können
in der Pause wirklich alle Bewegungs- und Ruhebedürfnisse der Kinder erfüllt
werden? |
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Werden
die Bewegungsangebote den körperlichen Möglichkeiten der Kinder eigentlich
gerecht? |
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Fehlen
nicht Bewegungsmöglichkeiten, die insbesondere die wichtigen Bewegungsgrundätigkeiten
wie Balancieren, Springen, Klettern, Hangeln usw. einfordern? |
Die
Unzufriedenheit der Kolleginnen und Kollegen mit der Pausensituation wurde von
Tag zu Tag, von Monat zu Monat größer. Mit wachsender Zahl der Kinder an
unserer Schule - in 10 Jahren wuchs die Zahl von 130 auf 270 Kinder - wurde
nicht nur der Wunsch, etwas zu ändern, immer häufiger artikuliert. Es entstand
auch eine sachliche Notwendigkeit, denn die Beobachtungen in den Pausen ergaben
folgende Bilder:
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längere
Spielabläufe mit konstanten Schülergruppen wurden durch die
unstrukturierte, nicht gegliederte weitläufige Fläche des Schulhofs kaum
realisiert |
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es
gelang nur selten, soziale Gruppierungen über einen längeren Zeitraum bei
den Spielen beizubehalten |
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räumliche
Abgrenzungen gegenüber anderen Spielgruppen waren kaum möglich, weil die
Kinder sich häufig in die Quere kamen und so auch kleinere und größere
Rempeleien nicht ausblieben |
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Kinder,
die Ruhe suchten, hatten kaum Rückzugsmöglichkeiten und wurden ebenso häufig
gestört wie die Kinder, die ‚auf der Stelle‘ Gummitwist oder Seilchen
spielten. |
Aus
diesen Beobachtungen erklärten sich auch die wachsende Zahl von kleineren und
größeren Konflikten unter den Kindern. Nicht selten kam es nach den Pausen,
die ja eigentlich der Erholung dienen sollten, zu Beschwerden und Unmutsäußerungen
auf Seiten der Kinder.
Dass
sich auf und mit unserem Schulhof etwas bewegen musste, war uns allen klar. Das,
was uns fehlte, war die zündende Idee. Wir wollten den Schulhof nicht mit
Spielgeräten bestücken, sondern ihn von Grund auf umgestalten.
Kompetente
Hilfe von aussen
Einem
glücklichen Zufall hatten wir es zu verdanken, Herrn Roland Seeger, den Leiter
der Forschungsstelle für Spielraumplanung (1), kennenzulernen. Mit überzeugenden
Engagement stellte er sein Konzept für Spielräume und Schulhofgestaltung
allgemein und insbesondere seine Ideen rund um unseren Schulhof dem Kollegium
und der Schulpflegschaft vor. Drastisch führte er uns zunächst (unterstützt
durch entsprechende Dias) vor Augen, welche Spielplätze bzw. Pausenhöfe
Kindern oft zugemutet werden. Hier sollte man sich nicht von der Optik der schönen,
bunten Spielhäuschen oder Hinkelkästchen täuschen lassen. Kinder reagieren
auf nicht passende Spielgeräte in aller Regel mit einer einfachen Antwort: Sie
spielen lieber auf dem Erdhügel der benachbarten Baustelle oder im Gebüsch am
Spielplatzrand, sie klettern in Bäume, verstecken sich hinter Büschen und
nutzen jedes Mäuerchen als Balanciermöglichkeit. Genau hier setzt das Konzept
der FFS an: Es geht um eine Orientierung an den wahren Spiel- und Bewegungsbedürfnissen
der Kinder. Das Konzept sieht vor, Spiel- und Pausenhöfe möglichst unter
Einbeziehung von Naturmaterialien umzustrukturieren, durch welche die Kinder zu
vielfältigen Bewegungen und Betätigungen motiviert werden. Nur so können
ihnen Bewegungsanreize, aber auch Bewegungssicherheit geboten, erlebnisträchtige
Spielformen angeboten, aber auch Möglichkeiten von Entspannung, Ruhe und Muße
wie auch sinnliche Erfahrungen eingeräumt werden. Das eigenständige, kreative
Spiel der Kinder steht im Vordergrund. An die Stelle industrieller, häufig
monofunktionaler (und oft überteuerter, im Rahmen normaler Schuletats nicht
bezahlbarer) Serienprodukte treten Eigeninitiative, Kreativität und
Arbeitseinsatz der Schulgemeinde, die ‚ihr‘ Schulgelände zu einem
Naturspielraum für die Kinder werden lassen.
Unsere
Planungen
Die
Ideen, die vorgestellt wurden, lösten Begeisterung, aber auch kritische und
skeptische Nachfragen aus, insbesondere bezüglich der Finanzierung und des
Arbeitsaufwandes. Auch Fragen der Sicherheit, der zuverlässigen Pflege der
Bepflanzungen und Begrünungen, der Wartung der zu schaffenden Spielobjekte und
des zusätzlich auftretenden Schmutzes wurden kontrovers diskutiert. Dennoch
waren wir, und das heisst Schulleitung, Kollegium und Schulpflegschaft insgesamt
von der Idee überzeugt, und wir entschlossen uns, unseren Pausenhof auf der
Grundlage des Konzeptes umzugestalten. Unter Einbeziehung der Wünsche des
Kollegiums, der Schülerinnen und Schüler und der Eltern, entwickelten wir mit
Hilfe der Experten einen Plan für die Umstrukturierung unseres Schulhofes in
einen Spiel-, Erfahrungs- und Erlebnisraum für die unterschiedlichen Bedürfnisse
der Kinder.
Die
Umgestaltung unseres Schulhofes sollte der Erkenntnis, dass vielseitige, zu
unterschiedlichen Bewegungen und Betätigungen anregende Pausenräume den Schülerinnen
und Schülern Entspannung, physische und psychische Stärkung, Sicherheit in der
Bewegung, Geschicklichkeit, Anregungen zu eigenständigem und phantasievollem
Spiel bieten können, Rechnung tragen.
Wenn
man die Schülerinnen und Schüler in die Planung mit einbezieht - und das
sollte eine Selbstverständlichkeit sein - ist es sinnvoll, die Wünsche und
Ideen nicht in Form eines Wunschzettels auflisten zu lassen. Nicht selten erhält
man dann - vom Kind aus gesehen – ja durchaus verständliche Vorschläge wie
‚Schwimmbad- Riesenrutsche‘, ‚Urwaldbäume‘ oder auch ‚Inline-Skating-Half-Pipe‘.
Um
solche utopischen, nicht zu realisierenden Wünsche bei den Kindern nicht
aufkommen zu lassen, haben wir beschlossen, die Kinder nach ihren Lieblingsplätzen
auf dem Schulhof zu fragen. Wir haben uns nach den Dingen erkundigt, welche die
Kinder in den Pausen am meisten störend empfanden. Und wir haben nachgeforscht,
was den unseren Kindern im Rahmen der vorhandenen Schulhofsituation an meisten
Spaß bereitet.
Die
Ergebnisse dieser Sammlungen, des Austausches mit den Kolleginnen und Kollegen
und den Eltern wurden in eine erste Planung übertragen. Es entstand ein Plan,
zugeschnitten auf die Gegebenheiten unseres Schulhofes, der folgende Veränderungen
/ Maßnahmen vorsah:
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Ein
zentraler Bereich auf der ebenen Rasenfläche bildet eine Spielhügellandschaft
mit zwei unterschiedlich hohen Hügeln, die für den erwachsenen Betrachter
eher klein erscheinen. Verlagert man seine Sichthöhe aber einmal auf die
eines Grundschulkindes, so wird eine Erhebung von nur eineinhalb Metern
schon zum Berg, über den man nicht mehr schauen kann. |
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Die
auf den Hügeln liegenden ‚Felsbrocken‘ (Findlinge) laden die Kinder zum
Klettern und Springen ein. |
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Integriert
in den Hang ist ein ‚Pfahllabyrinth‘, das als Kunstspielobjekt die
Kinder zu vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten anregen soll. Es besteht aus
unterschiedlich hohen und dicken Pfählen, in denen jedes Kind, das die
Schule verläßt, seinen Handabdruck und seinen Namen hinterlassen soll. Die
Kinder umfahren mit einem dicken Filzstift ihre Hand und schreiben ihren
Namen dazu. Mit einer Kopffräse wird beides von Eltern ausgefräst und
danach angemalt. |
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Ebenfalls
auf der Rasenfläche entsteht eine Sandelburg. Vier ineinander gebaute
Kreise aus Palisaden mit verschiedenen Höhenniveaus laden die Kinder zum
Sandeln ein. Aber auch Balancieren ist hier gefahrlos möglich. Die
Sandbaustelle ist von außen anmodelliert und bepflanzt, so dass ein
Nischencharakter entsteht, der den Kindern Räume bietet, in die sie sich
zurückziehen können. Diese Räume laden darüber hinaus auch zum Versteck
spielen ein. |
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Vom
asphaltierten Teil des Schulhofes aus führt ein Erlebnisweg mit Findlingen,
Kletterhölzern und Randbepflanzung zum Buddelsandbereich. Der Weg ist mit
Rindenmulch angefüllt, so dass für die Kinder ein anderes Gehgefühl
erfahrbar wird. |
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Auf
der asphaltierten Fläche im Schulinnenhof entsteht ein "grünes
Klassenzimmer". Um eine Kastanie herum, mit deren Pflanzaktion die
Schulhofgestaltung offiziell gestartet wurde und an deren Wurzeln eine
Flasche mit den Unterschriften aller Schülerinnen und Schüler und
Lehrerinnen und Lehrer liegt, ist eine Pergola geplant, die mit
entsprechendem Mobiliar ausgestattet für Unterrichtszwecke, aber natürlich
auch bei Schul- oder Klassenfesten genutzt werden kann. In den Pausen dient
sie den Schülerinnen und Schülern, die eine Ruheecke suchen. |
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Weiter
sieht der Plan auf diesem Teil des Schulhofes zwei kleine Sitznischen vor.
Kleine Pflanzbeete, eine Kompostieranlage, Pflanzen, die ein besonderes
Dufterlebnis ermöglichen, Tiere anziehen und das Farbspiel der Natur
zeigen, ein Tunnelzelt aus Weidenstecklingen, Baumstämme zum Balancieren,
Wand- und Dachbegrünungen runden das Bild nicht nur optisch ab, sondern ermöglichen
den Kindern Spielmöglichkeiten, bei denen Phantasie und Kreativität
gefragt sind und sinnliche Erfahrungen und Beobachtungen ermöglicht werden. |
Der
Beginn
So
waren unsere Vorstellungen, so waren unsere Wünsche, so waren unsere Träume.
Als wir zum ersten Mal mit der Gesamtsumme der Kosten konfrontiert wurden,
schien uns eine Umsetzung des gesamtes Konzeptes kaum möglich. Denn die Kosten,
die entstanden wären, betrugen bei einer Beauftragung von entsprechenden
Bauunternehmen 100.000 DM. Dies war allerdings für uns kein Grund, uns
entmutigen zu lassen. Wir entschlossen uns, mit Rückendeckung durch die
Schulpflegschaft, das Projekt zu starten, und zwar Schritt für Schritt. Denn
jeder Bauabschnitt konnte für sich allein realisiert werden. Dies ermöglichte
uns, keine Dauerbaustelle zu installieren oder aber eine Bauruine zu
hinterlassen, falls wir die Kosten für den nächsten Bauabschnitt nicht mehr
aufbringen könnten. Unsere Experten informierten uns über Möglichkeiten des
Sponsorings und die Stadt Bocholt sagte eine Übernahme der ersten Kosten
(Planungskosten der FFS in Höhe von gut 2.500 DM) zu. In enger Zusammenarbeit
mit der Schulleitung informierte der Förderverein unserer Schule, dessen Arbeit
für ein solches Vorhaben unverzichtbar ist, mittels einer Sponsoringmappe die
Betriebe eines benachbarten Industriegebietes und Geldinstitute über unser
Vorhaben. Weiter sprachen wir Unternehmen an, die uns mit Sachspenden unterstützen
konnten. Hier konnten häufig auch über die Eltern wertvolle Kontakte geknüpft
werden. Zudem konnten wir für bestimmte Vorhaben wie zum Beispiel die
Entsiegelung von Asphaltflächen oder das Anlegen von Biotopen Gelder bei der
Landesregierung vom beantragen. Auch die Ämter unserer Kommune (Gartenbauamt,
Straßenbauamt) waren oft hilfreiche Ansprechpartner. Wir haben die Erfahrung
gemacht, dass externe Hilfe und Unterstützung besonders dann gewährt wird,
wenn Partner erfahren, dass man nicht nur ‚die Hand aufhält‘, sondern in
allen Situationen und Vorhaben Engagement und Eigeninitiative zeigt.
Bislang
haben wir über diesen Weg die Finanzierung der einzelnen Bauvorhaben ermöglichen
können. Dies gelang uns auch deshalb, weil wir einer Umsetzungsstrategie
gefolgt sind, die uns im Rahmen der Konzeption der ‚Forschungsstelle für
Spielraumplanung‘ angeraten wurde. Sie wurde zu Beginn unseres Vorhabens
erstellt und hat sich aus unserer Sicht sehr bewährt. Die komplette
Umgestaltung erfolgt über einen Zeitraum von drei bis vier Jahren. Zum einen
lassen die erforderlichen Geldmittel eine schnellere Umsetzung nicht zu, zum
anderen muss man auch mit den erforderlichen Arbeitskapazitäten der Kolleginnen
und Kollegen und Eltern haushalten.
Natürlich
sind aus Gründen der Kostenersparnis Eigenleistungen erforderlich. Dabei ist es
aber wichtig, schnell sichtbare Erfolge zu erzielen und die Aktionen auf maximal
zwei bis drei Wochenenden pro Bauabschnitt zu beschränken, um die Motivation
der beteiligten Helferinnen und Helfer zu erhalten. Unerläßlich ist dabei der
Einsatz von Großgeräten, die entweder über die Eltern oder entsprechende
Sponsoren besorgt werden sollten. Um die Arbeit zu professionalisieren, ist es
sinnvoll, Eltern, die entsprechende Beziehungen haben, Fachkompetenz zeigen und
/ oder handwerkliche Fertigkeiten einbringen können, gezielt um Mithilfe zu
bitten. Dass Schülerinnen und Schüler einer benachbarten Hauptschule, zu der
wir seit Jahren intensiven Kontakt pflegen, im Rahmen ihrer Projektwoche die
Vorarbeiten zur Errichtung der Hügellandschaft und der Sitzecken leisteten, war
für unsere Schulkinder ein besonderes Erlebnis und für unsere Schulen ein
weiterer produktiver Beitrag unserer Zusammenarbeit. Auch andere ‚Ehemalige‘
unserer Schule meldeten sich an den Wochenenden und arbeiteten gerne mit.
Vier
Jahre später
Inzwischen
sind - nach vierjähriger ‚Bauzeit‘ alle geplanten Veränderungen realisiert
worden. Dabei unterstützte uns auch die Stadt Bocholt, die insgesamt ca. 10.000
DM für unser Vorhaben bereitstellte. Und: Wir waren nicht die einzige Schule,
die für ihr Schulhofvorhaben Zuwendungen von seiten der Stadt bekam.
Schon
nach dem ersten Bauabschnitt vor vier Jahren ( die Errichtung der Hügellandschaft)
fühlten wir uns in unserer Entscheidung, bestätigt. Die Schülerinnen und Schüler
nutzen heute den Spiel- und Erlebnisraum für die Umsetzung ihrer kreativen
Spielideen.
Rund
um die Hügellandschaft zeigen sie großen Ideenreichtum bei der Erfindung neuer
Spiele. Sie erobern die höchsten Stellen, nutzen diese als Beobachtungsposten
und funktionieren die Findlinge zu Inseln um. Als besonderer Reiz haben sich die
Hügel für Laufspiele welcher Arzt auch immer erwiesen. Das Auf und Ab ist für
Kinder, die nur ebene Wege kennen, wohl von besonderer Faszination. Bei einer
Art dieser Laufspiele nehmen die Schülerinnen und Schüler ein langes Seil als
Verbindungsseil und erlaufen die Hügel wie eine lange, sich windende Schlange.
Ein anderes Spiel mussten wir allerdings verbieten, da uns die Verletzungsgefahr
zu groß schien. Beim ‚Steine stoßen‘ galt es, den eroberten Findling gegen
den Angriff eines von der höchsten Stelle des Hügels kommenden Mitschüler möglichst
lange zu verteidigen. Das Problem wurde in den Klassen diskutiert und das Verbot
stieß bei den meisten Kindern auf Verständnis.
Die
Sandelburg wird vorwiegend von den jüngeren Kindern genutzt. Sie haben dort
etwas abgeschirmt vom übrigen Schulhof einen Bereich für sich. Auf dem
Erlebnisweg zur Sandelburg hin erproben sich die Kinder an den Kletterhölzern
und sind stolz auf ihre bestandenen Mutproben, wenn sie den Abstand der zu überbrückenden
Distanz vergrößert haben. Hierbei zeigt sich, dass die Kinder ihre eigene
Leistungsfähigkeit, aber auch ihre Könnensgrenze sehr gut selbst einschätzen
können und entsprechend ihres Könnens den Kletterweg zurücklegen. Eine
wachsende Bewegungssicherheit und Geschicklichkeit vermittelt den Kindern
Erfolgserlebnisse und trägt zu physischer und psychischer Stärke bei. Bei der
notwendigen Absprache mit entgegenkommenden Kindern zeigen die Kinder eine große
Sozialkompetenz. Hier beobachten wir selten Konfliktfälle.
Im
Hinblick auf die Förderung der Bewegungssicherheit haben sich auch die hinter
den Hügeln liegenden Baumstämme bewährt, die von den Kindern aber bei weitem
nicht nur für Balancier- und Sprungübungen genutzt werden, sondern bei
Rollenspielen als Lokomotive, Segelschiff, Krokodil und vieles andere mehr
dienen. Hier zeigen die Kinder unglaubliche Phantasie.
Dies
zeigt sich auch bei der Nutzung des Weidenhäuschens, das je nach Bedarf als ein
Pferdestall, ein Klassenzimmer oder irgend etwas anderes dient.
Das
grüne Klassenzimmer wird gern genutzt. Während der Pausen bietet es neben den
kleinen Sitznischen einen größeren Rückzugsbereich für Kinder, die im Moment
keinen Drang nach Bewegung verspüren oder sich in Ruhe unterhalten wollen.
Sicher wird die Akzeptanz und Nutzung dieses Refugiums noch größer, wenn die
Begrünung dieses Bereichs auch Beschattung von oben sichert und der beschützende
Bewuchs stetig wächst. Aber Pflanzen benötigen ihre Zeit zum Wachstum. Auch
die Nutzung zu Unterrichtszwecken hat sich bewährt. Lesen, Malen, Singen,
Diskutieren, Rechnen und Schreiben im Freien üben einen besonderen Reiz auf die
Kinder (und auf die Lehrerinnen und Lehrer) aus, ein Grund, immer wieder hier
Zeit zu verbringen.
Das
Pfahllabyrinth mir den Händeabdrücken der Entlassschülerinnen und -schüler
spielte auf dem letzten Schulfest eine besondere Rolle. Immer wieder
beobachteten wir die ‚Ehemaligen‘, wie sie ‚ihre‘ und die Hand ihrer früheren
Mitschülerinnen und Mitschüler suchten und nicht selten feststellten, dass sie
dem Abdruck mittlerweile deutlich entwachsen waren. Aber sie fanden eben auch
noch eine Spur von sich, eine Spur von früher.
Ein
erstes Resümee
Das
Resümee, das wir nach vier Jahren ziehen, ist übereinstimmend positiv. Das
Risiko, auf das wir uns eingelassen haben, hat sich gelohnt: Die Kosten blieben
aufgrund unseres Strukturplans immer kalkulierbar. Der zeitliche Aufwand hielt
sich insbesondere auch aufgrund der Elternhilfe, die den üblichen Rahmen bei
weitem übersteigt, in Grenzen.
Im
Laufe der Umsetzung sind weitere Ideen gewachsen. Wir wollen noch eine
Trockenmauer bauen, einen Fußtastweg anlegen und das Weidenhaus erweitern.
Schon jetzt freuen wir uns darauf, diese Vorhaben in den nächsten Jahren zu
realisieren. Mittlerweile glauben wir auch fest daran, dass wir auf unserem
Schulhof mehr bewegt haben als viele Kubikmeter Sand und zentnerschwere
Findlinge. Nicht zuletzt hat sich durch die gemeinsame Arbeit von Schulleitung,
Kollegium und Elternschaft ein Teamgeist entwickelt, der sich auch positiv auf
andere Bereiche des Schullebens auswirkt und von dem unsere Schulgemeinde
profitiert.
Anmerkung
(1)
Die Forschungsstelle für Spielraumgestaltung (Birkenweg 1, 35644
Hohenahr-Altenkirchen, Tel.: 06444/6177) wird von Roland Seeger geleitet. Seeger
und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich den Erhalt und die
Schaffung naturnaher Spielräume zum Ziel gesetzt. Nähere Informationen
erhalten Interessierte in der Informationsbroschüre ‚Gestaltung
von naturnahen Spielbereichen mit Eltern und Kindern‘.
Literatur
Bundesverband
der Unfallversicherungsträger der öffentlichen Hand e.V. (Hrsg.): Unser
Schulhof - Probleme einer kindgerechten und sicheren Gestaltung, München 1991
Kontakt:
Annette
Fieblinger, Rektorin an der Kreuzschule Mussum / Mussumer Esch 4, 46395 Bocholt
/ Telefon: 02871 - 5931 (privat)
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